Archiv - Festival der Regionen 2003

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interventionen

Hat der jetzt g´spuckt, die Drecksau, a so a Gschleckter! Der geht sicher ins Fitnessstudio, der Trottel! Naja, manche ham´s ned in der Birn, die müssen sich’s woanders antrainieren … Wo beginnt Feindschaft? Welche Rolle spielt „der Feind“ für die Identitätsfindung von Personen und Gruppen? Leidenschaftliche Ausbrüche emotionsgeladener Gegner, deren ganze Aufmerksamkeit dem feindlichen Gegenüber gelten – das ist die romantische Vorstellung, die häufig mit dem Begriff Feindschaft in Verbindung gebracht wird. Doch sind die Vorgänge hinter der Entstehung von Feindschaften oft viel komplexer, die Umstände oft viel banaler. Der Feind wird zum Image, zum Feindbild. Nahkontakt wird möglichst vermieden. Diese „Anderen“ werden, ihrer Menschlichkeit enthoben, zur Projektionsfläche der eigenen Abscheu und des eigenen Hasses. „Wir Österreicher“, „wir Linzer“, „wir Künstler“, “ wir Humanisten“, „wir Christen“, “ wir Linke“, „wir Rechte“ usw. – überall wo „wir“ gesagt wird, ist Gemeinschaft und damit schon ein Grundstein dafür gelegt, sich gemeinsam gegen die „Anderen“, die „nicht-wir“-Leute, abzugrenzen. Sie sind anders, sehen anders aus, verhalten sich anders oder erscheinen uns schlicht und einfach so. Damit werden sie zur optimalen Projektionsfläche des eigenen Hasses, ob sie nun einer anderen Religion, einem anderen Staat oder einfach nur einer anderen Modeszene angehören. Oft entstehen Wir-Gefühl und Gruppenidentität auch erst durch diese kollektive Produktion von Feindbildern. Die Werkzeuge dafür: Kampfrhetorik, Propaganda, Klischees und Vorurteile. Das Ergebnis: die Anderen wachsen sich zur perfekt imaginierten feindseligen Bedrohung aus, deren schiere Präsenz die Existenzgrundlagen der eigenen Gruppe untergräbt. Im Wahrnehmen des „Anderen“ ist bereits der Funke zur Feindschaft geboren. Die Toninstallation von Dagmar Höss und Renate Schuler dreht sich um das Konstruieren von (Gruppen-)Identitäten durch subtile Verbalaggressionen und subversive Beeinflussung der Gedanken Anderer. Im Wartebereich von Bahnhöfen sind unsichtbar zwei kleine Lautsprecher installiert. Die Wartenden sind einem permanenten Geflüster, einer Art Selbstgespräch ausgesetzt, das Verhalten und Aussehen (fiktiver) Personen kommentiert, karikiert und kritisiert, wobei kein Klischee ausgelassen wird. Im Kleinstbereich der Installation entstehen so fast unmerklich feindliche Zonen, Keimzellen, die sich in den Köpfen der Zuhörenden festsetzen und auch ausbreiten können..