Archiv - Festival der Regionen 2003

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Hymnos. Eine Fluchkaskade

Ein mobiles Einsatzkommando von vier SängerInnen fällt in das friedliche Alltagsleben ein. Seine Munition ist eine Fluchkaskade, die strengen rituellen Regeln gehorcht: ein Hymnos der Verwünschungen. Wie Aliens von einem fremden Stern tauchen die singenden Einsatzkräfte in Einkaufszentren, Fußgängerzonen, Kinos und anderen öffentlichen Plätzen auf. Die möglichen Angriffsziele liegen überall. Wo immer sie eindringen, verschaffen sie sich mit einem rhythmisch in die Menge gefeuerten, streng rituellen Sprechgesang rücksichtslos Gehör, um sich wieder blitzartig zurückzuziehen. Feindschaft hat viele Gesichter. Während in früheren Zeiten in erster Linie die Fäuste sprachen oder die Degen gezückt wurden, hat es der Mensch im Laufe der Zeit immer besser verstanden, seine Sprache als Mittel einzusetzen, um Überlegenheit zu zeigen und sich den „Feind“ vom Leibe zu halten. „Streitkultur“ ist wichtiger Bestandteil der zivilisierten Gesellschaft. Statt übereinander herzufallen, trifft man sich lieber im „Presseclub“ oder bei „Sabine Christiansen“. Dort ist es sogar erwünscht, verbal unter die Gürtellinie zu gehen, denn das treibt schließlich die Einschaltquoten himmelwärts. So darf „in aller Freundschaft“ beleidigt und das Niveau zotig werden. Getreu dem Motto: Wer am lautesten brüllt, ist der King. Kaum ein anderes Medium ist so geeignet, negative Gefühle wie etwa Abneigung, Hass und Verachtung auszudrücken wie die Sprache. Ihr Repertoire ist grenzenlos, wenn es darum geht, andere zu verletzen, zu beschimpfen, niederzubrüllen, zu verfluchen, zu verwünschen. Besonders stark ist das Register der Schimpfworte und Flüche in Umgangssprache und Dialekt ausgeprägt. Spontan und einfallsreich wird geschimpft und geflucht, beleidigt und verletzt. Was in der Bibel noch sprachlich schön korrekt klingt – „Verflucht sollst du sein bis an das Ende deiner Tage“ – erfährt in Dialekt und Umgangssprache eine drastische Erweiterung: „Geh‘ scheißen, du Vollkoffer“, „Schleich dich, du Trottel“. Fäkalsprache, sexistische und rassistische Bilder und Beschreibungen gehören wie selbstverständlich zum Fluch- und Schimpfwörterkatalog. Das Fluchen ist und bleibt dabei eine der interessantesten Formen der verbalen Aggression. Als ritualisierter Ausdruck der Feindespflege ist der Fluch von schier unerschöpflichem Reichtum.