Archiv - Festival der Regionen 2003

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Hugo von Hofmannsthal: Elektra

Irgendwann, an einem schönen Sommertag, ist es wieder einmal so weit: Die Komödianten kommen! Ein Planwagen rumpelt auf den Marktplatz oder auf die Festwiese draußen vor der Stadt, im Handumdrehen sind Bänke und Sessel für die Zuschauer aufgestellt, aufgeregte Schauspieler und ein noch aufgeregterer Prinzipal wuseln um die Wanderbühne herum – und schließlich wird es still: Die Vorstellung kann beginnen! So war es einmal, als das Theater noch zu den Leuten kam. Und so wird es jetzt wieder sein: Rainer Stephan hat, gemeinsam mit sieben SchauspielerInnen, die Idee des fahrenden Theaters wiederbelebt. Statt des Pferdewagens ist ein Lkw-Anhänger die Bühne, auf der vom 29. Juni bis zum 3.Juli in fünf Orten Oberösterreichs ein Drama aufgeführt wird, das wie fürs heurige Festivalmotto „Kunst der Feindschaft“ geschrieben wirkt, obwohl es vor genau 100 Jahren uraufgeführt wurde: Hugo von Hofmannsthals „Elektra“. Das ursprünglich als Schauspiel konzipierte, doch erst in der Opernfassung durch Richard Strauß international bekannt gewordene Stück greift einen Teil der antiken Atridensage auf: Die Rückkehr des Orest in den heimatlichen Palast von Mykene, wo ihn seine beiden Schwestern Elektra und Chrysothemis seit langem erwarten. Elektra hat dabei nur ein Ziel im Auge: Rache an Ägisth (ein Cousin der Geschwister und zugleich ihr Stiefvater, der im Einverständnis mit ihrer Mutter Klytämnestra deren leiblichen Vater Agamemnon erschlug und sich als Herrscher von Mykene an dessen Stelle setzte), und vor allem Rache an der Mutter selbst. Feindschaft, so zeigt dieses Stück, entsteht in der Familie: Der Ort, an dem wir das Lieben lernen könnten, lehrt uns, wenn es schief geht mit der Liebe, den unversöhnlichsten Hass. Geliebt wird dann nur noch das Unmögliche, das, was nicht da ist und nie kommen wird. Elektra liebt ihren Vater. Aber ihr Vater ist tot, umgebracht vom Liebhaber der Mutter. Anders als ihre Schwester Chrysothemis kann und will Elektra niemanden lieben als den, der nicht existiert. Alles, was existiert, hasst oder verachtet sie: ihre Mutter, ihre Schwester, sich selbst, das Leben. In ihrer Ausweglosigkeit suchen sich Elektra und Klytämnestra ans überlieferte Brauchtum zu klammern. Ein Ritual ist fällig, ein Schlachtopfer. Wo Blut geflossen ist, muss wieder Blut fließen. Doch wessen Blut? In dieser Situation taucht Orest auf . . .