Archiv - Festival der Regionen 2001

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Eröffnung 2001 – Ein Volksfest

Zur Eröffnung des Festivals der Regionen 2001 stimmt Theatermacher und Regisseur Kurt Palm mit rund hundert KünstlerInnen kräftig ein Prosit der Gemütlichkeit an und lädt zum Volksfest auf dem Freistädter Hauptplatz. Einer Vielzahl an Bühnen, Ständen und Stationen entlang, die über den weiten Platz verteilt sind, lässt sich das Festprogramm erwandern. Wer sitzen möchte, ist allerdings dazu aufgerufen, selbst für seine Bequemlichkeit zu sorgen und ein Sitzmöbel mitzubringen. Mobiliar, das nicht mehr mit nach Hause genommen wird, entsorgt das Festivalteam nach Veranstaltungsende bürgernah und fachgerecht zum Sperrmüll. In der Kirche hingegen sind Sitzplätze zuhauf vorhanden. Dort eröffnet der Wiener Schriftsteller Franz Schuh Fest wie Festival mit einer Rede zur Gemütlichkeit (und zu ihrem Ende). Im Anschluss daran schreitet das Ensemble Sonare zur Uraufführung von Peter Androschs Komposition „Prima Luce“. Das chorale Werk schlägt einen musikalischen Bogen von kirchlicher Liturgie zur Massentötung BSE-verseuchter Rinder. Klanglich auf Tiergeräuschen aufbauend, verleiht Androsch der gequälten Kreatur eine Stimme, die sich aufbäumt und Rechenschaft einklagt. Ein logisches Thema in einem Ort wie Freistadt, der sein Wohlergehen zu gutem Teil der Viehzucht verdankt. Die Komponistin Ines Kargel variiert die Causa BSE mit der „A so a Wahnsinn“ betitelten Soundinstallation weiter, während Kurt Palm mit einer Installation zeigt, „Was von uns übrig bleibt“: hundert Kuhklauen als einzig nicht verwertbarer Schlachtabfall – die Füße von 25 Kühen ohne Kuh drauf, sozusagen. Auch Komponist Klaus Hollinetz greift zu Computer und Soundinstallation, und setzt unter dem Titel „Iconoclast“ zum Ssturm auf die technisch erzeugten Bilder der Mediengesellschaft an. In einem abgesperrten Niemandsland hinter den Häusern am Hauptplatz greift Hollinetz zu Bildikonen unserer Medienwelt und löst sie im Computer in verwirrend abstrakte Musik auf. Alfred Lauss nimmt sich der klassischen Gattung „Mühlviertler Witze“ an, die er in vertonter Form mit einem kleinen Ensemble heimischer MusikerInnen unters Festvolk bringt. Auf ein ungewöhnliches Libretto hat der gebürtige Freistädter Hannes Raffaseder für seine Arbeit „Natürliche Logik oder: Des Kaisers neue Kleider“ zurückgegriffen. Er vertont ein im „Standard“ erschienenes Interview mit Landeshauptmann Josef Pühringer für Frauenstimme, Sprecher, Posaune, Schlagwerk und Kontrabass. So liefert er die Politikeransprache gleich mit. Schlag auf Schlag geht es bei Werner Puntigam. Ortsnamen im Mühlviertel enden gerne mit der Silbe „schlag“. Macht in Summe „34 schlagorte“, denen 34 Tenorhornbläser den Marsch blasen. Selbiges tut auch die Musikkapelle des Kameradschaftsbundes und der Bürgergarde Freistadt, die sich anlassgerecht – es geht ja schließlich ums Ende der Gemütlichkeit – mit Trauermärschen einstellt. Dem Musiker Gotthard Wagner ist es vor lauter Kulturvoyeuren, Authentizitätssuchern und Gstanzltouristen zu ungemütlich geworden: die machen der Volksmusik einen Automatisierungsdruck in Sachen Lustigkeit und Witz. Deswegen spielt er gleich gar nicht selber, sondern stellt mit der „Gstanzlbox“ einen Automaten auf, der 300 Gstanzln geladen hat und auf Münzeinwurf singt. Nicht einmal im Märchen ist die Welt noch in Ordnung. Sven-Christian Habich, Nina Schopka und Eugen Victor haben sich die grausamsten und somit ungemütlichsten Märchen der Gebrüder Grimm ausgesucht. Auf einer eigenen Bühne lesen Freistädter Volks- und HauptschülerInnen aus Aufsätzen zu ihrem Verständnis von Gemütlichkeit (es scheint, als trügen Gameboys, Kaugummis und Eis dazu bei). Auch die Politik hat wie immer was zu sagen. In kleinen Häuschen präsentieren sich ÖVP, SPÖ, FPÖ und die Bürgerliste GUT mit ihren Stellungnahmen zum Thema. Selbst der Hauptplatz hat Festgewand angelegt. Dafür sorgen neben Textfahnen des jüngst verstorbenen oberösterreichischen Künstlers Fritz Grohs Malerei- und Grafik-Studierende der Kunstuniversität Linz. Auf einem mit Fleisch tapezierten Sofa tummelt sich „Die glückliche Kuh“, weidet in Fleischbergen und kann von tierliebenden FestbesucherInnen adoptiert werden. In der einen Auslage des Modehauses Angerer heisst es für Schaufensterpuppen und BetrachterInnen „Schönheit muss leiden“, in der anderen wird ein „Tatort“ konstruiert. Eine kleine Objektsammlung samt Diskussionsrunde geht der Frage „Was ist Kitsch?“ nach. „Vogelhäuschen“ zeigen, wo und wie Fremdenfeindlichkeit ausgebrütet wird und sich einnistet. „Bremsklötze“, aus Formularstapeln geleimt, behindern Fortkommen und Integration von Zugewanderten. Dass auch das Eigenheim nicht idyllisch ist, führt „Trautes Heim“ vor Augen, das Horrorerinnerungen aus der Kindheit in einem Schaufenster präsentiert. Künstliche Heimatpanoramen samt passenden Figuren, Berggipfeln und Sonnenuntergängen lassen sich im Animationsvideo „Alpenrosa“ bestaunen, während es bei Ruefa Reisen hinter Glas wie immer in die Ferne geht. „Stadt – Land – Fluss – Schiffeversenken“ lockt zu wenig erholsamen Destinationen wie Afghanistan oder in den Gazastreifen. Daheim ist daheim, und da schmeckt das Essen am besten. Beim Volksfest kocht das „Gasthaus zum Ende der Gemütlichkeit“ auf und serviert deftige Kost. Wohl bekomm’s!