Archiv - Festival der Regionen 2003

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Fuck you!

Am Anfang war der Affektstau, die Verdichtung der psychischen Energien auf eine radikale Negation des Bestehenden. „Sinnloser Hass auf alles: ein ganz wichtiger Ausgangspunkt für jeden normalen Menschen im 20. Jahrhundert.“ (Dietmar Dath) Thomas Edlinger und Fritz Ostermayer, zwei Radiomenschen mit Hauptwohnsitz „Im Sumpf“ auf FM4, fragen nach der Produktivität, den Bedingungen und den Konsequenzen dieser impulsiven „Antwort“, die allen Zumutungen und narzisstischen Kränkungen den gestreckten Mittelfinger zeigt. FUCK YOU! ist eine Tour de Force im künstlerischen Minenfeld zwischen Amok und Koma. FUCK YOU! spürt aber nicht nur den vielfältigen, (sub-)kulturellen Codes zur Artikulation eines radikalen Nein nach, sondern versucht auch, den „blinden“ Hass theoretisch in den Blick zu bekommen, ihn auf seine politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen und Folgen hin zu befragen. Die politische Philosophin Katja Diefenbach attestiert dem viel diskutierten französischen Schriftsteller Michel Houellebecq „verspäteten Hass auf die Mairevolten“ im Paris anno 1968. Gegen seinen (und anderer Männer) Verdruss über die Ausweitung der sexuellen Konkurrenzzone wie gegen die Verbitterung über den Verlust der eigenen bürgerlich-männlichen Sonderstellung im modernen Kapitalismus empfiehlt sie keinen Alkohol, sondern „mehr MDMA, mehr Pilze.“ Justin Hoffmann, Künstler, Musiker („FSK“) und Autor referiert über „Destruktionskunst – reale Zerstörung, symbolische Attacke“. Seit den 1960er Jahren, seit es die Destruktionskunst als künstlerische Methode gibt, richtet sie sich größtenteils gegen Repräsentationsformen der Gesellschaft. Symbolisch werden Gegenstände – von Fernsehgeräten bis zu Kleidungsstücken – vernichtet. Destruktionskunst ist nicht zuletzt ein Ausdruck von Hass gegen die bürgerliche Kultur. Die Kulturwissenschafterin Anne von der Heiden beschäftigt sich seit längerem mit der Konstruktion und der politisch-ideologischen Instrumentalisierung von Feindschaft im Zuge von Verfeindungsprozessen. Sie referiert über „Blutende Bilder. Tinkturen der Feindschaft“. Marlene Streeruwitz geht in ihrem Referat der Frage nach, warum Frauen nicht Amok laufen, anders gesagt, warum sie nicht so leicht „fuck you!“ sagen. Sie vermutet in den radikalisierten Worten und Taten, mit denen vor allem Männer Machtverhältnisse zu durchbrechen versuchen, bereits eine chauvinistische Komplizenschaft mit eben diesen. Videos mit Live-Kommentaren präsentieren Multi-Derwisch Mike Hentz (u.a. Mitglied der legendären Künstlergruppe „Minus Delta T“) und der US-Künstler Cameron Jamie, der seit vielen Jahren die Rituale juveniler Gewalt der Vorstädte dokumentiert: „Fight Club“-artige Faustkämpfe erfreuen sich nicht nur in US-amerikanischen Hinterhöfen, sondern auch in Ostdeutschland zunehmender Beliebtheit. Die Abende gehören aktionistischen Amokläufern und musikalischen Nihilisten. Costes, agent provocateur und Radikalperformer aus Frankreich, huldigt dem „Holy Virgin Cult“, während die Berliner „Terrortussi“ Lena Braun in ihre „Hassfabrik“ lädt. Mit dem Konzert der amerikanischen Hardcore-Noise-Formation Black Dice klingt das Festival lautstark und hasstriefend aus. Nein – doch nicht: Am Ende wird alles gut! Edlinger / Ostermayer werden sich wider besseres Wissen hinter den Plattenspielern ganz der Liebe ergeben und so – mittels menschenfreundlicher Dialektik – die Welt wieder einmal vom Bösen erlösen.