Archiv - Festival der Regionen 2003

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Elf Seelen für einen Ochsen

Es ist der Abend des 25. April 1945 am Persmanhof, dem großen Bauernhof der Familie Sadovnik, idyllisch am Fuß der Petzen im zweisprachigen Kärnten / Koroska gelegen. PartisanInnen, die hier immer wieder Unterstützung finden, kochen gerade das Abendessen, als Polizisten der 4. Kompanie des 13. Polizeiregiments den Hof stürmen. Als die Polizisten abziehen, sind der Hof und die Stallungen abgebrannt. Inmitten der Trümmer liegen sieben Kinder und vier Erwachsene, erschossen. Die Großfamilie Sadovnik ist bis auf vier teils schwer verletzte Kinder ausgerottet. Die Schlächter aber tragen ein ordentliches Gesicht. Ihre Westen sind rein. „Es war nur ein Alptraum, der die Welt befallen hat, und am 8. Mai ist sie daraus wieder erwacht“, sagen sie und ihre HelferInnen, wenn es verlangt wird. Verlangt wird es vom Gericht. Die Opfer sind tot, die Stimmen der Überlebenden leise. Doch die britischen Besatzungsbehörden drängen auf Aufklärung. Die Sieger beharren darauf, dass es kein Alptraum war, sondern Verbrechen. Die TäterInnen sollen benannt und verurteilt werden. Das Innenministerium erkennt die staatspolitische Bedeutung der Aufklärung, und das Landesgericht Klagenfurt beginnt mit den Ermittlungen. Sie dauern bis 1949. Der Persmanhof aber bleibt eine Leerstelle in den österreichischen Schulbüchern. Ein blinder Fleck der Geschichtsschreibung, eine offene Wunde des Widerstandskampfes. Tina Leisch, Textarbeiterin und Theatermacherin, hat sich durch die Akten gearbeitet und das Theaterstück Elf Seelen für einen Ochsen – Enajst dus za enega vola geschaffen. Es montiert Zeugeneinvernahmen und Beschuldigtenverhöre mit kurzen Szenen aus dem Alltag im Kärntner zweisprachigen PartisanInnengebiet zum großen Fragezeichen nach dem Umgang mit der NS-Geschichte. In der Uraufführung beim Festival der Regionen spielen unter der Regie von Tina Leisch LaiendarstellerInnen an der Seite von Theaterprofis. Richter Dr. Wolfgang Aistleitner spielt den Kollegen, der die Ermittlungen führte im Fall Persman. Franz Froschauer, Christian Strasser und Robert Kriechbaum spielen die Polizisten des NS-Polizeiregiments 13. Alenka Maly und Stojan Vavti sind PartisanInnen, die schon wenige Wochen nach Kriegsende den bitter erkämpften Sieg wieder verloren. Den NS-Terror aus der Sicht verfolgter Kinder stellen Michael Aigner, Dana Rausch, Anja Maurer und Sandra Schiestl dar. Viele Stimmen aus dem Dunkeln erzählen, wie es kam, dass Südkärnten in ein Zeitloch fiel, in dem in gespenstischem Wiederholungszwang sich immer wieder die Feindschaften aus den vierziger Jahren reproduzieren, als wäre keine Zeit vergangen. Außerdem spielen mit: Maxi Blaha, Rosemarie Binder, Manfred Binder, Bettina Friedl, Angela Haas, Hartmuth Kilgus, Magdalena Mühlleitner, Siegfried Stockinger und Peter Aigner. Die Produktion ist an oberösterreichischen Orten zu sehen, die während der NS-Zeit Schauplatz von Kriegsverbrechen, von Entwürdigung, Misshandlung und Ermordung von Menschen durch den nationalsozialistischen Machtapparat und seine willigen HelferInnen waren.