Bad Ischl – Hallstatt / historisches Salzkammergut

2021 konzentriert sich die 15. Ausgabe des Festivals der Regionen auf den oberösterreichischen Teil des historischen Salzkammerguts – zwischen Bad Ischl und Hallstatt.

Bad Ischl und das Innere Salzkammergut zählen zum historischen Kern einer alten Industrieregion, in der seit Jahrtausenden Salz abgebaut wird und in der sich eigenwillige, kulturelle Traditionen entwickeln konnten. Den Menschen in dieser Gegend wird eine gewisse Renitenz nachgesagt und bei genauerem Hinsehen erschließt sich diese Zuschreibung durchaus. Es ist eine interessante Mischung aus einer in der Abgeschiedenheit der Alpen vielfach vorzufindenden Sturheit und einer für diese Region typischen Abneigung gegen Ausbeutungen aller Art. Es ist ein über Jahrhunderte grundiertes Gefühl für Gerechtigkeit, das die Menschen im Inneren Salzkammergut auszeichnet.

In dieser seltsamen Verbindung, die gleichsam politisch wie unpolitisch ist, konservativ wie liberal, hat sich ein Menschenschlag entwickelt, der den Wirrungen der Zeit unaufgeregt gegenübersteht oder um es weniger romantisch auszudrücken – der manchmal auch zu einer „knopfadn“ Genügsamkeit und Trägheit neigt. Denn wie überall auf der Welt machen die wirtschaftlichen Vorgänge und Verflechtungen auch vor der nebelfreien Region im südlichen Oberösterreich nicht halt. Die Immobilienpreise steigen seit Jahren ins Unermessliche und dennoch liest man in den regionalen Zeitungen mehr von „Qualitätsbetten“ anstatt von der Schaffung leistbaren Wohnraums. Die Kommerzialisierung der Kaiserzeit wiederum nimmt abenteuerliche Ausmaße an und es werden Sportveranstaltungen, Gastronomiebetriebe und Geschäftsflächen geschaffen, die „den Untoten“ im Namen führen. In Summe ist das ein „more of the same“ im öffentlichen Raum, dem es an Freiräumen fehlt, in denen kleine Konzerte, Lesungen, Tanz oder Bildende Kunst stattfinden können.

Es ist den Künstler*innen und Kulturarbeiter*innen zu verdanken, die diese Defizite mit der erfolgreichen Bewerbung zur europäischen Kulturhauptstadt im Jahr 2024 auf die Agenda gesetzt und damit wichtige Fragen adressiert haben. Denn trotz der dominanten Klischees und räumlichen Enge haben im Salzkammergut viele unterschiedliche Lebensentwürfe, Dialekte und Sprachen, Meinungen und Religionen Platz. Die Region war zwar immer wieder umfochten, denken wir etwa an Reformation und Gegenreformation, die viele zur Auswanderung zwang – es ist den Menschen jedoch stets gelungen, für Vertriebene und Zugewanderte Aufnahme und Teilhabe zu organisieren. Und zwar quer durch alle in ihrer Identität sehr unterschiedlichen Orte.

 

In einem sind sich nahezu alle einig: das Innere Salzkammergut ist eine Region, in der die Menschen gerne leben, trotz so mancher Entbehrungen und in der noch immer ein Bewusstsein von einem solidarischen Miteinander existiert: conserve and cooperate! In einer Welt, die zunehmend komplex und unsicher zu sein scheint ist das keine Selbstverständlichkeit, aber vielleicht eine Antwort auf die drängendste Frage unserer Zeit – die gerechte Verteilung von Chancen und Ressourcen, von Vermögen und Macht.
Mario Friedwagner, Freies Radio Salzkammergut