Festival der Regionen


Umgraben

  • 7. - 16. Juni 2013

  • Eferding

Festivalblog von Helmut Neundlinger

Gekommen um zu staunen

Veröffentlicht am 16.06.2013

Gestern Abend, ca. 21 Uhr, Festivalbühne: Die Musikerin Sophie L. hat gerade ihren Auftritt beendet und das Trio „The Veins“ scharrt schon hinterm Silo in den Startlöchern. In diese kurze Verschnaufpause hinein betritt ein ungefähr 15-jähriges, dunkelhaariges und sehr schlankes Mädchen die Bühne, schnappt sich das Mikro und singt mit herzerweichender Inbrunst und vielversprechender Stimme ein bekanntes Pop-Schmachtlied. Das Bier in meiner Hand erwärmt sich dabei um gefühlte 2,5 Grad, und ich denke mir: Jetzt kann das Festival guten Gewissens einpacken. Die Menschen hier brauchen unsere programmatische Ermutigung nicht mehr, um sich die Bühne zu nehmen und loszulegen. Das würden sie ohne uns wohl auch tun, aber vielleicht nicht immer mit jener Selbstverständlichkeit, die am zweiten und letzten Festivalwochenende um sich zu greifen beginnt.

Die Menge jubelt der blutjungen Sängerin zu, und gleich im Anschluss fegen die drei Knaben von „The Veins“ mit einem so taufrischen, knackigen und kompakten Rock’n’Roll über die Bühne, als wäre diese Musik eben erst im Eferdinger Becken aus der Taufe gehoben worden. Musik ist wie Fußball, denke ich mir: Wenn man will, dass es funktioniert, muss man zusammenspielen. Dann denke ich gar nichts mehr und lasse mich gemeinsam mit allen Anwesenden von der unglaublichen „Veins“-Performance mitreißen und treiben.

Die zuvor gehörte weibliche Gesangs-Nachwuchshoffnung stammt, wie Sophie L. auf der Bühne zur Vorstellung ausführt, aus dem Umfeld des Kulturvereins „Anadrini“, der überwiegend von im Kosovo  verwurzelten Eferdingerinnen und Eferdingern betrieben wird. Der Verein hat – unter anderem in der Person des in Eferding lebenden und arbeitenden Kosovaren Sherif Hajredini – die Bar am Festivalzentrum mitbetrieben. Über 1500 Menschen aus dem Kosovo leben in Eferding, hat mir der Sherif vor einigen Tagen erzählt. Die allermeisten von ihnen kommen aus der Gegend um die südkosovarische Stadt Prizren.

„Die Landschaft dort hat große Ähnlichkeit mit der Gegend hier um Eferding“, erzählt Sherif. Vor gut 20 Jahren ist er nach Eferding gekommen – ziemlich genau zu der Zeit, als ich nach Wien ging. Wir sprechen also von Migrationshintergrund zu Migrationshintergrund, und dafür brauchen wir den Staatssekretär Kurz Sebastian nicht, der demnächst nach Eferding kommen und versuchen wird, junge Leute für Politik zu begeistern, wie ich einem Plakat entnommen habe. Der Sherif und seine Leute werden nächsten Samstag ganz ohne staatssekretärische Unterstützung maßgeblich das „Fest der Kulturen“ mitveranstalten – auf der Festivalbühne und vor allem auf dem Kopfsteinpflasterplatz davor, denn für die beim Fest gebotenen Kreistänze reicht die Bühne nicht aus.

Nicht nur landschaftlich scheint es eine interessante Ähnlichkeit zwischen der ländlichen Region im Südkosovo und dem Raum Eferding zu geben. Wer den Sherif nach seinem Begriff von Kultur fragt, wird feststellen, dass sich dieser in einem doppelten Sinn anschlussfähig erweist: Als moderner Mensch huldigt er selbstverständlich dem Rock, dem Jazz, dem Pop und anderen vergleichsweise jüngeren Gewächsen der zeitgenössischen Kultur. Ein zentraler Bestandteil seiner kulturellen Identität ist und bleibt aber auch seine kosovarische Volkskultur mit ihren Tänzen im Kollektiv, ihrer Musik, ihrer Fähigkeit, über rhythmische Synchronisation Gemeinschaft zu stiften. In diesem lebendigen Bedürfnis treffen sich der Sherif und seine Leute mit jenen Eferdingerinnen und Eferdingern, die gestern am großen Abschlussspektakel des „Cosmic Cucumber“-Projekts im Stadtsaal partizipierten. Blasmusik, Theaterkist’l und Volksliedchor schufen ein kräftiges Gegenüber zu den absurden Ritualen der Wiederholung, die die „Teatr Cinema“-Truppe auf der Bühne ausbreitete.

Je länger die Performance dauerte, desto spannender wurde für mich das Saalgeschehen, wo sich ungefähr 50 mir teils wohlbekannte Landsleute tummelten und mit Wonne und einigen Fragezeichen im Gesicht an dem Treiben mitwebten. Ich stellte mir vor, dass die gemeinsame Improvisation am nächsten Samstag beim „Fest der Kulturen“ weitergehen und bei der Gelegenheit zwei oder gleich mehrere Eferdinger Hemisphären spektakulär ineinandergreifen würden. Ein Hin- und Wi(e)der-Tanz der Kulturen, die sich ähnlicher sind, als es zunächst oft den Anschein hat, und die sich dabei Platz geben könnten für die Entdeckung des Fremden im Eigenen.

Egal ob Landwirtschaft, Gesellschaft, Kultur oder Kunst: Alles ist in einem unentwegten Fluss, auch und gerade im Mikrokosmos Eferding. Wenn sich diese Bereiche nicht entwickeln können, werden sie schlicht verkümmern. Viele der Jungen – das viel beschworene Zukunftspotenzial – werden weggehen und ihr Glück anderswo suchen. Da helfen weder Staatssekretäre noch Kunstfestivals. Eferding hat, wie ich in den vergangenen zehn Tagen wahrnehmen durfte, ein reiches Vermögen an klugen, kreativen, sensiblen und an der Gemeinschaft interessierten Menschen. Man muss dieses grandiose, eigenwillige Völkchen nur tun lassen, und schon sprießen an allen Ecken und Enden nicht nur Spargel, Gurken und Kartoffeln, sondern lebendige Ideen und vor Lebensfreude sprühende Projekte und Prozesse.

Liebe Eferdingerinnen und Eferdinger, liebes Festival, liebe Künstlerinnen und Künstler: Ich liebe euch! Ihr habt mir einige der intensivsten Tage meines bisherigen Lebens geschenkt, und ich danke euch dafür. Nehmt diese meine Wörter als eine Gegengabe für eure Herzlichkeit und Aufnahmebereitschaft. Ich bin gekommen, um zu staunen, und ich fahre heute Abend vollkommen überwältigt wieder zurück in die große Stadt, vermutlich wochenlang damit beschäftigt, all das Gesehene, Gehörte, Wahrgenommene zu verarbeiten.

Traktor-Rikscha-Fahren im Klarinetten-Paralleluniversum

Veröffentlicht am 15.06.2013

Als ich mich gestern Nachmittag vom Schloss Richtung Hauptplatz bewegte, raste plötzlich wieder einmal das motorisierte Dreirad der Kunstinspektion mit Blaulicht und Sirene heran. Ganz Eferding ist diese Attraktion bereits so gewohnt, dass das Auftauchen der schrägen Truppe bei den meisten Augen- und Ohrenzeugen wohl Assoziationen folgenden Zuschnitts auslöst: „Aha, da werden sie wieder jemanden verhaften … Vielleicht hängen sie auch Fahndungsfotos auf … Deutschbauer ist wohl durstig und will möglichst schnell zur nächsten Ausschank …“ usw.

Was ich sagen will: Die Kunstinspektion 2 ist Teil eines Normalisierungsprozesses geworden und hat vertraute Muster etabliert, die vor einer Woche noch völlig undenkbar gewesen wären. Man kann mittlerweile kaum mehr ein Gespräch führen, in dem nicht mindestens einmal der Satz: „Das muss ich zur Anzeige bringen!“ fällt. Die Kunstinspektion hat uns binnen kurzer Zeit in ein Häufchen fröhlicher Denunziantinnen und Denunzianten verwandelt, und es wäre angesichts der Anzeigenflut wohl eine Untersuchung wert, ob das Instrument der Kunstanzeige generell konfliktlösend oder doch eher konfliktfördernd wirkt.

Gestern allerdings, als ich meine vom Festivaltreiben bereits überstrapazierte Aufmerksamkeit von Blaulicht und Sirenengeheul wieder abziehen wollte, tauchte ein unerwarteter Blickfang auf, der dem Heranrollen der Kunstinspektion eine völlig neue Qualität gab: Zum ersten Mal im Verlauf des Festivals mutierte das Dreirad nämlich zur Eskorte. In seinem Wind- oder vielmehr Aufmerksamkeitsschatten rollte der „Traktorrist“ Stelzhamer Hannes auf seinem pedalbetriebenen Rosttraktor heran. Der Hannes bog auf den Hauptplatz ein, begleitet von einer immer größer werdenden schaulustigen Menge, und kurbelte vorbei an den Schanigärten. Die Kunstinspektion wurde insofern handgreiflich, als sie das Eigenbaumobiliar vor dem Festivalzentrum aus dem Weg räumte – und schließlich stellte der Hannes sein Gerät direkt neben der Bühne ab und eilte zum Radiointerview vor dem FRO-Container.

In Gedanken verfolgte ich die Fahrt vom Hannes weiter, und ich stellte mir vor, dass er am Montag nicht einfach sein Zeug abbauen, sondern in Eferding bleiben und das Transportgewerbe des Traktor-Rikscha-Fahrens anmelden würde. Er würde ab nun mit seinen „kinetischen Skulpturen“ in der Lidauer-Garage wohnen und immer dann ausrücken, wenn jemand seine Nummer wählen und eine Traktor-Rikscha bestellen würde. Selbstverständlich müsste er dafür noch eine Anhängervorrichtung mit bequemen Sitzgelegenheiten anfertigen, aber wie ich den Hannes kenne, hat er das an einem halben Tag erledigt. Eferding wäre dann nicht bloß die drittälteste Stadt Österreichs, sondern gar weltweit die erste mit einem Traktor-Rikscha-Transportunternehmen. Am Anfang würden wohl Trauben von Eferdinger Kindern neben der Traktor-Rikscha herlaufen und sich nicht sattsehen können an dem schönen Hannes auf seinem rostigen Gefährt, und weil der Hannes so ein unglaublich netter Typ ist, wäre er wohl schwer gefährdet, den lieben Tag lang Kinder gratis durch die Stadt zu rikscherieren und mit seinem Gewerbe alsbald in einen bösen Konkurs zu schlittern. Andererseits würde sich Eferding an den Hannes und seine Traktor-Rikscha in Nullkommanichts gewöhnt haben wie an die Kunstinspektion, und nach einer Woche würden sie den Hannes vielleicht noch flüchtig grüßen, aber auch schon nicht mehr.

Als meine Gedanken von derlei Abschweifungen zum Festivalzentrum zurückkehrten, hatte ich mit einem Mal das Gefühl, auf einer unsichtbaren Schwelle zu sitzen. Auf der einen Seite die Kunst in ihrem Bemühen um Aufmerksamkeit ebenso wie in ihrem Bestehen auf Selbstgenügsamkeit, auf der anderen Seite aber die Eferdingerinnen und Eferdinger als einmal mehr, dann wieder weniger interessierte Zaungäste eines Spektakels, das in zwei Tagen aus ihrem Blick verschwinden wird, als wäre es niemals wirklich hier gewesen. Noch bevor ich über die Frage nachdenken konnte, ob die Leute schon genug davon haben oder in Wirklichkeit erst jetzt so richtig auftauen und nach mehr zu lechzen beginnen, eilten mir die drei polnischen Musiker der Gruppe „Flesh machine“ entgegen. Nun packte auch ich meine Klarinette aus und begab mich in ihrem Schlepptau auf Blitztour durch insgesamt zehn Eferdinger Gaststätten. Von Gastgarten zu Gastgarten zu Wirtsstube zu Innenhofausschank wanderten wir und drangen dabei sozusagen vorsätzlich in bislang festivalresistentes Territorium vor.

Dabei trafen wir tatsächlich viele Menschen, die vom Festival vielleicht noch gar nicht einmal etwas gehört hatten. Außer den vorgewarnten Wirtsleuten rechnete niemand mit uns, und es setzte nun ein hochinteressantes Spiel zwischen Belästigung und Belustigung, purer Freude am Augenblick und betretenem Leiden an unserer künstlerischen Aufdringlichkeit ein. Über die ganze Zeit tobten zwei Seelen in meiner Brust: Sollte man diese armen Menschen, die da am Freitagabend zum Geburtstagspizzaessen oder Kaffeetratschen oder Biertrinken sich versammelt hatten, nicht lieber ihrer gewohnten Ruhe überlassen? Ist andererseits aber nicht genau jene ungeschützte Konfrontation, jene unangekündigte Behelligung das eigentlich Spannende an einem Festival, das den öffentlichen Raum zur künstlerischen Inszenierung nutzen und überfallsartig Impulse setzen möchte? Ich rechnete mit allem Möglichen, bis hin zu Ohrfeigen und Beschimpfungen, die wir uns für unsere wilden Jam-Sessions holen würden – und konsequenterweise hätten wir diesen Lohn als ungebetene Störenfriede auch wohl oder übel annehmen müssen.

Verprügelt wurden wir gar nicht, im Gegenteil: Es war mir fast schon unangenehm, mit welcher Geduld die Eferdinger Bevölkerung unsere grenzmusikalischen Zumutungen über sich ergehen ließ. Noch ehe wir es uns versahen, begannen die solcherart Überrumpelten, das Ganze auch noch zu genießen. Biere wurden gespendet, Smartphones gezückt und es hätte nicht viel gefehlt, dann hätten wir wohl auch noch Autogramme geben müssen. Beim Stuckwirt war es dann so weit, dass schon Musikwünsche auf uns niederprasselten – den „rosaroten Panther“ wollten sie hören, und da torkelte er auch schon trunken über den Stuckwirt’schen Innenhof und sank schließlich erschöpft zwischen den Bierbänken nieder.

Als Tagesrest blieben mir meine sturen Fragen nach dem Verhältnis von Kunst und öffentlichem Raum. Unsere musikalische Beiseltour war  schließlich auch nichts anderes geworden als ein vergleichsweise exponiertes Agieren innerhalb des Gesamtspektakelformats. Am freiesten fühlte ich mich, als ich mich zwischen den einzelnen Stationen mit Mateusz, dem nimmermüden Klarinettisten der „Flesh machine“, mitten auf der Straße  freundschaftlich duellierte. Die uns begegnenden Autos mussten einen Augenblick länger verharren als sonst, und für diese freche Dominanz brauchten wir keine Kunstinspektion mehr, keine Genehmigung, keine Rücksprachen mit irgendwelchen mehr oder minder berechtigten Instanzen. Mir kam es ein wenig so vor, als würden wir mit unseren zweisprachigen Klarinettigkeiten in einen Zwischenraum gleiten, der weder zu Eferding noch zum Festival gehörte. Dieser Raum erschien mir mit einem Mal zugleich unendlich klein und unüberschaubar groß. Unsere Töne kamen darin auf gänzlich andere Weise zur Geltung, weil sie keinem Auftrag mehr folgten, auf keine Erwartung mehr trafen und sich folglich auch um nichts und niemanden kümmern mussten außer um sich selbst. Wir spielten nur noch für uns, der Mateusz und ich, und allmählich verschwanden auch wir aus unseren Augen und Ohren, irgendwie immer noch musizierend, aber schon längst auf dem Weg in ein anderes Universum, eine unbekannte Zeit.

Spuren suchen

Veröffentlicht am 14.06.2013

Oft bin ich in den vergangenen Tagen gefragt worden, wie es für mich sei, im Rahmen des Festivals nach Eferding „zurückzukommen“. Der Blick zurück auf die eigene und die gemeinsame Geschichte verändert und erneuert das Vergangene in einem so erheblichen Ausmaß, dass gestern die Idee eines Archivs städtischer Zeitgeschichte auftauchte, und zwar im Gespräch mit dem Jungspund Schachinger Valentin von der Initiative EF.K.K. (Eferdinger Kultur Klub), die im Verbund mit den engagierten Kulturvereinen KuBa (Kultur am Bahnhof) und Anadrini die Bar beim Festivalzentrum schupft. Die von den Festival-Projekten ausgehende Dynamik berührt eben nicht nur Eferdings Gegenwart und Zukunft. Für das „Umgraben“ der jüngeren Historie braucht es die aktive Mitarbeit des kollektiven Gedächtnisses ebenso wie die bewusste Suche nach Dokumenten und Spuren einer vermeintlich verlorenen Zeit. Aus mündlichen Erzählungen, Fotos, vielleicht sogar schriftlichen Aufzeichnungen und Plakaten könnte  ein anderes, vielschichtigeres Bild von Eferding entstehen.

Ein Strang, der mich persönlich sehr beschäftigt, ist die Geschichte der alternativen Eferdinger Kunst- und Kulturarbeit der vergangenen 40 Jahre. Deshalb besuchte ich gestern Vormittag den Schachinger Gerhard, genannt „Swim“, den Papa vom Valentin. Der Gerhard ist Elektrogerätehändler und  war einer der treibenden Kräfte der legendären Kulturinitiative KIV, die sich Anfang der 1980er Jahre gründete. „Anfangs waren über 20 Leute daran beteiligt“, erzählt er im Gespräch. Dem harten Kern gehörten neben ihm selbst die Grandl-Brüder Erich und Heinz sowie der Architekt Christian Vogl an. Die gesellschaftliche Aufbruchsstimmung der 1970er hatte zur Folge, dass an vielen Ecken und Enden des ländlichen Raums in Oberösterreich Vereine, Kommunen und Clubs aus dem Boden schossen, die entweder selber Kunst produzierten oder aber zumindest veranstalteten.

„Unser Highlight war sicher das Open Air in Gstocket“, erzählt Gerhard. Legendär die Gastspiele des Ober-Schmetterlings Willy Resetarits alias Ostbahn Kurti nebst vielen anderen Musikgruppen von nah und fern. „Einmal sind über 600 Leute aus ganz Österreich gekommen“, erinnert sich der Gerhard. Abgesehen von diesem Musik-Festival im nahe Eferding gelegenen Gstocket bereicherte die KIV über neun Jahre hinweg die Stadt Eferding mit Kunst und Kultur. Bis zu 20  Veranstaltungen im Jahr organisierte die Truppe, finanziell teilweise unterstützt von der KUPF (Kulturplattform), dem Zusammenschluss der oberösterreichischen Kunst- und Kulturinitiativen. „Die einzige Unterstützung, was wir je von der Stadt Eferding gekriegt haben, war ein Saalenmietennachlass für eine Veranstaltung im Volksheim im Ausmaß von 250 Schilling“, erzählt der Schachinger Gerhard.

Die ablehnende Haltung der Stadtvorderen gipfelte schließlich in der vorübergehenden Untersagung einer Konzertveranstaltung im Hinterhof des Café Vogl. Begründet wurde diese vom damaligen Bürgermeister Hochleitner damit, dass im öffentlichen Raum generell keine Veranstaltungen ohne einen parteipolitisch eindeutig zurechenbarem Veranstalter zugelassen werden könnten. Nach längerem Hin und Her durfte das Konzert doch noch abgehalten werden, allerdings direkt auf dem Hauptplatz und ohne die Möglichkeit, Eintritt zu kassieren. Nach dieser nicht zuletzt ökonomisch frustrierenden Erfahrung hauten die KIVler endgültig den Hut drauf.

Und weil mir dieser Tage ständig die schrägen Eferdinger Vögel nur so der Reihe nach zufliegen, traf ich wenige Stunden nach meinem Gespräch mit dem Swim im Festivalzentrum den Zaininger Heinz. Mit ihm ließ sich trefflich über die Kunst des Ausredenlassens und Zuhörens philosophieren. Der erzählte mir, dass ein Kulturverein namens „Die Brücke“ bereits Mitte der 1970er Jahre Konzerte im mittlerweile nicht mehr existenten Gasthaus Peschka in der Schmiedstraße veranstaltet habe. Protagonisten waren  der Schicho Franz, der Schifersteiner Ernst und der legendäre Franz Xaver, später lange Zeit künstlerischer Assistent des österreichischen Konzeptkünstlers Peter Weibel. Aus diesem Kreis seien auch die ersten Pläne für eine kulturell-künstlerische Nutzung des Bräuhauses vorgelegt worden, erzählte mir der Zaininger Heinz.

Nun bin ich bei Weitem nicht der einzige, der sich auf Spurensuche in die noch unentdeckte Gegenwart oder die jüngere Vergangenheit begeben hat. Das von Cordula Hanisch und Christian Scheib betriebene „Social Wirtshaus Web“ betreibt schon seit Festivalbeginn einen Ort des Sammelns von privaten Erinnerungsstücken der Eferdinger Wirtshauskultur, der sich im Verlauf des Wochenendes zu einem Kulminationspunkt der hiesigen „Oral history“ entwickeln wird. Der aus München stammende Historiker Wolfram Kastner gestaltete für das Festival einen „GeschichteWeg“ mit Schautafeln im öffentlichen Raum, die an verdrängte Ereignisse und Protagonisten der Zeitgeschichte erinnern – etwa an den christlich-sozialen Eferdinger Maximilian Uttenthaler, der sich 1938 gegen den Einmarsch der Nazis stellte. „Zehn Tschechen sind mir lieber als ein Deutscher“, bekannte er öffentlich, worauf er über den Hauptplatz getrieben und von der johlenden Bevölkerung beschimpft und bespuckt wurde. Der Schachinger Valentin, dem ich von dieser Tafel erzählte, kannte die Geschichte nicht – und stellte dann erstaunt fest, dass es sich beim Uttenthaler ja um einen entfernten Vorfahren seiner Familie handelt. In dem Augenblick ist uns bewusst geworden, inwiefern die Geschichte Eferdings durch das Festival gleichsam durch die Hintertür wieder ins eigene Leben tritt.

Eine intensive Spurensuche betrieb auch die Wiener Künstlerin und Sängerin der Band „Tankris“, Lisa Kortschak. Anhand von Archivdokumenten gestaltete sie einen Kurzfilm über die Schauspielerin Nora Gregor, zweite Ehefrau des Heimwehrführers Ernst Rüdiger Starhemberg und eine bekannte Theater- und Filmschauspielerin der 1920er und 1930er Jahre. Lisa Kortschak entwickelt in ihrer Arbeit gerade durch die Beschränkung auf Archivdokumente und eine nüchterne Erzählweise eine intensive Nahaufnahme dieser durch die Unwägbarkeiten der Zeitgeschichte getriebenen Frau.

Gänzlich anderen Spuren folgte das Duo Anna Katharina Laggner und Siegfried Fruhauf, die in ihrem Hörfilm „Weites Feld“ dem Leerstand von alten Gebäuden im ländlichen Umfeld von Eferding nachgehen. Mit fruchtbringender Sturheit sind die beiden den wirklichen und den verschwundenen Stimmen dieser Häuser gefolgt und dabei unter anderem auf 46 Jahre alte Nudeln gestoßen. Die Haunschmid Gerda, die aus Freistadt stammt und sich um die Verbreitung des Festivals im „Social Web“ kümmert, war von dem Stück so angetan, dass sie überlegt, mit ihren Freunden aus der alten Heimat – „die Hälfte sind Künstler, die andere Hälfte ist verrückt, und ich bin beides, also auch das Bindeglied zwischen den beiden Gruppen“, erzählt sie – einen leer stehenden Hof in der Eferdinger Gegend zu übernehmen. Ich habe ihr sogleich das Versprechen abgerungen, dass ein solcher Ort konsequenterweise auch kulturelle Aktivitäten beherbergen müsse. Vielleicht ist ja sogar ein Raum frei, an dem man die noch ungeschriebene Eferdinger Zeitgeschichte aus- und darstellen könnte. Vielleicht aber ist das schon wieder zu viel der Institutionalisierung. Über Form und Inhalt eines solchen Archivs werde ich mit all den schrägen Vögeln, die mir bis zum Schluss noch zufliegen werden, noch intensiv nachdenken.

Bodenschätze, Kraut & Rüben

Veröffentlicht am 13.06.2013

Am siebten Tag aber machten sich nicht nur beim Chronisten erste Ermüdungserscheinungen breit. Gestern Nachmittag schlich ich stundenlang ziel- und planlos auf dem Hauptplatz herum, zu müde, um mich auf irgendetwas gründlich einzulassen, aber auch zu überdreht, um einfach heimzugehen und ein wenig Schlaf zu lukrieren, wovon ich derzeit nächtens eindeutig zu wenig ausfasse. Und während ich so ruhelos vor mich hindöste, versetzte mich die Zeitmaschine in den Aggregatzustand „Jungscharlager“. Von meinem zehnten bis zu meinem siebzehnten Lebensjahr stand dieser Begriff für den Jahreshöhepunkt schlechthin: eine ganze Woche auf römisch-katholischem Abenteuerurlaub mit anderen Eferdinger Kindern zwischen 10 und 15. Meist hausten wir in verlassenen und mehr oder weniger dem Verfall preisgegebenen Bauernhäusern und wetzten ohne Unterlass Schatz suchend, Schnitzel jagend, in Gruppen tanzend oder mit Taschenlampen bewehrt über die Wiesen und durch die Wälder.

Rund um die Uhr steckten wir zusammen, und über die Jahre stellten wir durch kollektive Selbstbeobachtung fest, dass diese Wochen einem festgeschriebenen Rhythmus folgten: schier ekstatische Euphorie in den ersten Tagen und Nächten, die unweigerlich gegen Wochenmitte in ein Energieloch mündete, das sich gewaschen hatte: Gruppenleiter und Kinder hingen gleichermaßen in den Seilen, lagen in der Sonne, dämmerten im Halbschlaf dahin oder sammelten bereits wieder Kräfte für das finale furioso, das in der letzten Nacht folgte wie das uns liturgisch versierten Kindern Gottes hinlänglich vertraute Amen im Gebet.

Das Festival der Regionen erschien mir schlagartig als säkulare Variante des Jungscharlagers, zumindest was die kollektive energetische Dynamik betrifft. Zum Glück tauchten auch gestern wieder – so wie jeden Tag – buchstäblich taufrische Kräfte auf und versorgten das Städtchen mit der nötigen geistigen Nahrung, an der sich auch die allmählich erschlaffenden Dauerbrennerinnen und -brenner wieder aufrichten konnten. Oft sind es die vermeintlich unscheinbaren, am Rand des Geschehens stattfindenden Projekte, deren Qualitäten in solchen Augenblicken besonders deutlich zum Vorschein kommen. Weitgehend unbemerkt vom Rest des Festivals wurde ich gestern Zeuge einer Kooperation der Neuen Mittelschule Eferding Nord mit der Medienwerkstatt Linz unter dem Titel „UMSGemüseGRABEN“.

Beim Eintritt ins Eferdinger Stadtamt, wo die Präsentation stattfand, wurde ich von zwei Schülerinnen mit prächtigen, gemüsebestückten Kopfbedeckungen in Empfang genommen und mit einem Glas selbstgepresstem Karottensaft versorgt. Die Treppe fand ich bis in den dritten Stock hinauf liebevoll dekoriert vor, und vor dem Sitzungssaal war bereits ein sorgfältig drapiertes Rohgemüse-Buffet aufgebaut. Im Saal erwarteten stolze Eltern gespannt den Beitrag ihrer Sprösslinge zum stadtumspannenden „Umgraben“: ein kleines, aber mehr als feines Radiofeature, dessen Grundlage Interviews mit Eferdinger Gemüsebauern bildeten, die über ihre Beziehung zum Boden, zur Arbeit und zur Ernte Auskunft gaben. In wenigen Minuten entwickelte sich ein aufschlussreicher Hörfilm über die Grundlagen, Mühen und Entwicklungen der agrarischen Arbeit im Eferdinger Becken. Bemerkenswert die Tatsache, dass die in den vergangenen Wochen so unselig tobenden Überschwemmungen einst den Boden für die überdurchschnittliche Fruchtbarkeit bereiteten. Und da in dem Projekt konsequenterweise jene Landwirte zu Wort kamen, die ihre Arbeit jenseits des agrarindustriellen Mainstreams betreiben und auch die damit verbundenen Mühen nicht verschwiegen, schimmerte durch die Statements auch eine Art Sittenbild der Eferdinger Landwirtschaft. So wie die österreichischen Winzer den Glykol-Skandal in den späten 1980ern nützten, um ihre Methoden, Zugänge und Ansätze vollkommen zu überdenken und zu erneuern, bildete der Aufschrei über die aufgrund des massiven Kunstdüngereinsatzes katastrophalen Bodenwerte im Eferdinger Becken Anfang der 1990er Jahre für einen Teil der hiesigen Bauernschaft einen vergleichbaren Wendepunkt. Nicht grundlos sprachen einige der befragten Bauern in dem Feature davon, dass man „mit dem Boden mitspüren“ und seine jahreszeitliche Dynamik mitvollziehen müsse, wenn man ihn längerfristig nützen und erhalten wolle.

Die Präsentation dieses von der NMS-Lehrerin Gabriele Bumberger und der Medienpädagogin Hildegard Griebl-Shehata geleiteten Projektes hätte sich auch vonseiten des Festivals durchaus mehr Aufmerksamkeit verdient. Der Termin war im Vorfeld nicht wirklich kommuniziert worden, der ganze Rahmen wirkte einigermaßen isoliert vom Rest. Befremdlich darüber hinaus, was die Beamtenschaft des Rathauses dem Vernehmen nach über das gesamte „Umgraben“-Spektakel verlauten ließ: Das Festival als solches wurde verächtlich kommentiert und überdies wurde bezweifelt, dass die Veranstaltungen auf nachhaltige Publikumsresonanz stoßen würden. Liebe Beamte der Stadt Eferding: Kommt zum Festival, schaut euch an, was dort geschieht, und dann könnt und dürft ihr schimpfen, wie und was ihr wollt! Da lobe ich mir den Gemüsehändler A., der wenigstens sein Gesicht hinhält und nach seinem Wutausbruch gestern gar noch im Büro der Kunstinspektion auftauchte, um dort seine Vorstellung von Kunst zu deponieren, selbstverständlich wieder anhand seiner Sardinien-Fotos! Der Mann kämpft mit offenem Visier, scheut die argumentative Auseinandersetzung mit der gnadenlos strengen Kunstinspektorin Ungepflegt keineswegs und verbirgt sich nicht hinter dem schützenden Gemäuer pragmatisierter Subalternität.

Aber ich will hier nicht in Selbstgerechtigkeit verfallen, und wer weiß, vielleicht saßen ja einige Rathausbedienstete gestern im Rittersaal des Schlosses, als die „Teatr Cinema“-Leute ein zuweilen an die legendäre deutsche Tanzchoreographin Pina Bausch erinnerndes makabres Ballett der Untoten aufführte, angetrieben wie immer von atemberaubend schöner Live-Musik. Falls sie dort waren, hätten sie alles Recht der Welt gehabt, die Langatmigkeit einiger Passagen zu bemäkeln. Und natürlich hätten sie im Anschluss daran in das Kellergewölbe wechseln und der Präsentation „ADS“ der New York City Players beiwohnen können. Auch zu diesem Programm ließe sich genug anmerken: Vielleicht wäre es besser gewesen, die darin zu Wort kommenden Eferdingerinnen und Eferdinger in einem entspannteren Setting aufzunehmen, als sie auf ein Podest zu stellen und sie mit der einschüchternd großen Frage: „Woran glauben Sie?“ zu konfrontieren. Und ich bin mir sicher, dass die Vertreterinnen und Vertreter der Stadtverwaltung im anschließenden Gespräch mit anderen Zuschauerinnen und Zuschauern auf gute Argumente dafür gestoßen wären, warum man dieses Projekt genauso und nicht anders gestalten muss.

Was wäre das für ein fruchtbares Hin und Her geworden, und anschließend hätte man sogar nicht die Gelegenheit gehabt, die vom angestrengten Diskutieren rauchenden Köpfe vor der Festivalbühne am Hauptplatz zu den Heavy-Metal-Klängen der Band „Conspiracy“ durch die Luft zu schwingen. An den Drums saß da übrigens – wer sonst? – mein alter Spezl Markus „Schicki“ Schickerbauer und bearbeitete die Doublebass-Drum wie ein junger Hund. Amtshaus, öffne dich, sage ich nur!

Kunst kommt von Müssen

Veröffentlicht am 12.06.2013

Gestern tauchte er plötzlich wieder auf. Gerade als die Radio-FRO-Mitarbeiterin Veronika Moser die Kunstinspektorin Ungepflegt vor dem Container beim Festivalzentrum interviewte, stürmte der Gemüsehändler A. heran und begann zu schimpfen. Das sei ja keine Kunst, was hier gemacht werde. Das könne ja jeder, was hier gezeigt werde, da brauche es doch keine Bühne und kein Festival. Daraufhin stürmte er nachhause und kam wenig später mit einem Packen Fotos wieder zurück, die er der Moser Veronika unter die Nase hielt. Hier, bitte, das sei Kunst, sagte er und konfrontierte die überrumpelte Reporterin mit selbst gefertigten Fotografien alter Fresken und Skulpturen aus Sardinien.

Ungefähr zur selben Zeit beobachtete ich im Café Vogl zwei ältere Herren in gestreiften Leiberln und mit stattlichen Wohlstandsbäuchen, die plötzlich wie kleine Buben von einem Lachkrampf geschüttelt wurden und mit ihren Fingern Richtung Festivalzentrum zeigten. Dort machten sich gerade die „Sensinauten“ zur Stadtbesichtigung auf. Die teilnehmenden Personen waren in knallgelbe Ganzkörperanzüge gehüllt und erhielten ein massives Schutzbrillengestell. Von Weitem erinnerten sie ein wenig an eine Patrouille für ein Verstrahlungsgebiet, und einer der beiden männlichen Kindsköpfe dürfte eine ähnliche Assoziation gehabt haben, als er, vor Lachen immer noch kaum zu halten, seinem Freund erklärte: „Die hätt’ ma vor 20 Jahren gebraucht!“ Möglicherweise spielte er damit auf die Atomkatastrophe im ukrainischen Tschernobyl im Jahr 1986 an, die auch im Eferdinger Becken so messbare Spuren hinterließ, dass wir als Kinder eine Zeitlang nicht draußen spielen durften. Das jährliche Pfingst-Zeltlager in Wackersbach wurde abgesagt, was uns sehr erboste, weil es uns um die wildromantische Attraktion des Jahres brachte. Schmollend und grantelnd saßen wir Jungscharkinder zuhause und formierten uns gleichsam über Nacht zur geschlossenen Anti-Atomkraftbewegung vor Ort.

Der gestreifte Wohlstandsbauchbesitzer aus dem Café Vogl unterschied sich vom Gemüsehändler A. nicht nur durch seine explosive Fröhlichkeit, sondern auch dadurch, dass er sich im Angesicht des Auftritts der Sensinauten keine Sekunde lang die Frage stellte, ob das Kunst ist. Er fand es absurd, provokant, lächerlich, komisch, aber irgendwie auch so attraktiv, dass er mit seinen Blicken dem über den Stadtplatz schweifenden knallgelben Einsatzkommando über mehrere Minuten hinweg gebannt folgte. Der Frage, ob das Kunst ist, was da in Eferding gerade anzuschauen ist, begegne ich in diesen Tagen überraschend selten. Nicht dass ich Angst davor hätte, und zuweilen enttäuscht es mich fast ein wenig, dass sie nicht öfter und lauter gestellt wird. Wobei Menschen wie der A. ja keine Fragen stellen, sondern eher auf eine Frage antworten, die sich so ohnehin nicht stellt. Denn genauso wenig, wie es DAS Eferding gibt, gibt es DIE Kunst. Ich glaube nicht, dass A. sich bislang die Mühe gemacht hat, die gebotenen Installationen, Präsentationen und Aktionen eingehender zu betrachten. Er hat, wie wir ja von der Greinöcker Margit wissen, seine ablehnende Meinung über das Festival schon tagelang vor Beginn des Festivals kundgetan. Was aber hat ihn gar so in Rage gebracht? Ich vermute, dass es mit der gesamten Inszenierung des Festivals zu tun hat: Hier wird auf engstem Raum unheimlich viel und zum Teil Widersprüchliches gezeigt, gespielt und geschaffen. Ist es Kunst, wenn ein Nachwuchsspringer von einer Schanze springt und dabei mit Audiosensoren ausgestattet ist, die seinen Sprung simultan in ein Klangereignis übersetzen? Und was hat das mit jenem seltsamen Projekt der „Windrückstellung“ zu tun, die der deutsche Künstler Christian Hasucha mit Hilfe eines Gerüstes vor der Eferdinger Stadtpfarrkirche betreibt? Was bitte soll es bedeuten, wenn drei erwachsene Menschen sich wie Polizisten verkleiden und versuchen, ein stadtübergreifendes Denunziantentum in Gang zu setzen? Betreibt ein Mensch Kunst, wenn er diverse Gemüsesorten mit Elektroden versieht, um ihrem langsamen Verfallsprozess ein paar Klänge abzutrotzen?

Beim Streifen durch das in solch mannigfach irrwitzige Geiselhaft genommene Eferding fiel mir plötzlich das Wort „Kleinstkompetenzen“ wieder ein, eine Erfindung des 2001 leider verstorbenen Linzer Dichters und Performers Christian Loidl, den ich gut kannte und der mir in poetischen und ästhetischen Dingen in gewisser Weise ein Lehrer war. Auf vollkommen unterschiedliche Arten und Weisen basteln die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler bzw. Ensembles und Gruppen an ihren je eigenen Welten, und die muten manchmal so verschroben und verstörend an, dass man sich als Betrachter gleichsam erst aus sich selbst ausklinken muss, um einen Zugang zu den einzelnen Mikrokosmen zu finden.

Kunst, würde ich sagen, wenn mich jemand fragen würde, ist eine einzige Behauptung, und das ist vielleicht das im ersten Augenblick Provozierende. Auf den zweiten Blick hin unterscheidet sich Kunst darin aber keineswegs von all den Werbungen, die uns tagtäglich Welten vorgaukeln, von denen wir wissen, dass sie so nicht existieren, und auch nicht von den Versprechungen, die uns Politikerinnen und Politiker machen und darauf spekulieren, dass wir sie nach den Wahlen nicht allzu genau beim Wort nehmen. Das Angenehme an der Kunst ist, dass sie im Gegensatz zur Werbung und zur Politik mit offenen Karten spielt und uns mittels ihrer Selbstbehauptung nichts verkaufen oder unterbuttern will. Das Unangenehme an der Kunst ist ihre Neigung, uns mit Fragen zu konfrontieren, ohne darauf eine eindeutige Antwort zu erwarten. Diesbezüglich bleiben wir uns vollkommen selbst überlassen, und das kann in Wut enden wie beim Gemüsehändler A. oder in einem Lachkrampf wie beim Caféhausgast. Auf künstlerisches Treiben gibt es keine angemessene Reaktion, und ebendeshalb sind sämtliche Reaktionen völlig legitim, abgesehen von jenen Vandalenakten, die sich in zerstörerische Weise gegen Kunstwerke richten.

Alles in allem ist die Kunst bislang sehr höflich zu Eferding gewesen, und die Eferdingerinnen und Eferdinger sind ihr überwiegend mit ebensolchem Respekt begegnet. Mein aus Wien angereister Kumpel Jürgen Lenz, der in den vergangenen beiden Tagen sozusagen als externer Beobachter beim Festival zu Gast war, merkte gestern an, dass er sich die Dynamik zwischen Festival und Stadt durchaus noch radikaler und konfrontativer vorstellen könne. Warum nicht 10 Tage lang gleichsam alles zur Kunst erklären, was in diesem Mikrokosmos stattfindet? Jürgen ist, was dies betrifft, ein entschiedener Anhänger des 2010 verstorbenen deutschen Theater- und Filmregisseurs Christoph Schlingensief, der mit seinen groß angelegten Versuchsanordnungen die eindeutige Unterscheidung zwischen „künstlerischen“ und „wirklichen“ Ereignissen auf eine Weise ins Wanken brachte, dass jeder und jede darin Involvierte sich selbst in seinen Grundrissen vollkommen neu zusammensetzen musste. Ansatzweise vermeine ich eine solche Dynamik zu verspüren, wenn sich die Hartgesottenen abends am Hauptplatz versammeln und auch nach Feierabend in ihrem Reden, Sinnieren und Begehren nach einem intensiveren Leben keine Ruhe geben, den anderen nicht und sich selbst schon gar nicht. Da bleiben welche, die nur mal neugierdshalber auf ein kleines Bier vorbeikommen wollten, genauso wie jene, die endlich einmal früher schlafen zu gehen versprachen, bis nach Mitternacht hängen, weil sie etwas von der Notwendigkeit begreifen, die ein solcher Prozess wie dieses Festival zum Vorschein bringt. Die konkreten Projekte, Aktionen und Spielformen sind dabei immer nur „kleinstkompetente“ Ausgangspunkte, erregende Anstöße für tiefer gehende, buchstäblich umgrabendere Veränderungen.

Randfiguren

Veröffentlicht am 11.06.2013

Wo es ein Zentrum gibt, findet man auch Ränder. Oft ist die Sichtbarkeit klar verteilt: Alle Augen sind auf jene Kräfte gerichtet, die „im Licht stehen“, wie es der Schriftsteller Bertolt Brecht (1899-1956) in einem Gedicht formuliert hat. Die im Schatten aber sieht man nicht oder man übersieht sie bewusst. Lebendig und interessant wird es dann, wenn sich diese scheinbar gegensätzlichen Sphären berühren und in einen Austausch geraten, der nicht mehr nach streng hierarchischen Prinzipien funktioniert. Das Festivalzentrum am Eferdinger Stadtplatz erweist sich seit Tagen als Anziehungspunkt für Menschen, die oft mit dem abwertenden Etikett „Randfiguren“ versehen werden. Der temporär verkehrsberuhigte Raum ist zu einem Tummelplatz für schräge Vögel geworden, die sonst ein Dasein am Rand der sozialen Aufmerksamkeit fristen. Man geht ihnen aus dem Weg, weil das Gespräch mit ihnen oft die gewohnten Bahnen der Alltagskommunikation verlässt. „Wovon spricht der da? Wie meint er das?“ Sich darauf einzulassen bedeutet auch, ein Stück weit von der eigenen Normalität herzugeben und einem Anderssein Platz zu lassen, das einem selbst zunächst einfach nur unheimlich und unzugänglich ist. Zuweilen ist das Verhalten solcher Randfiguren auch mit einem gewissen Selbst- oder Fremdgefährdungspotenzial verbunden – Grenzgänger neigen manchmal dazu, die Spielregeln des sozialen Raumes auszureizen. Nichts anderes macht die Kunst, nur hat sie vom Zentrum einen Auftrag dazu bekommen, Grenzen auszuloten.

Was aber, wenn zum Beispiel der legendäre Eferdinger Stadtstreuner K. um zwei Uhr nachmittags mit einem Bierglas in der Hand den Silo neben der Festivalbühne zu erklimmen beginnt? Die ganze Konstruktion ist ebenso reizvoll wie filigran, und ich als schwindelanfälliger Zeitgenosse überwand die Stufen nur mit großer Mulmigkeit. Vom wackeligen Rundgeländer auf der Aussichtsplattform oben will ich gar nicht reden. Der K. aber blies alle Warnungen in den Wind: Er sei Herr seiner Sinne, brüllte er herunter, als ich ihn bat, beim Aufstieg wenigstens das Bierglas abzustellen. Oben angekommen, genoss er unsere angespannte Aufmerksamkeit weidlich und winkte mit großen Gesten vom Rundturm herab. Der K. ist seit Festivalbeginn Stammgast an allen Ecken und Enden, und an seiner Anwesenheit lässt sich ermessen, dass gerade für lebenslange Seiltänzer wie ihn in diesen Tagen mehr Platz ist für das Sein in einer Gemeinschaft. Man kann beobachten, wie er von einer Gruppe zur anderen wandelt, immer wieder etwas ein- und hinwirft und mehr Anerkennung findet als üblich. Nachdem ich gestern Abend für ein Weilchen mit meiner Klarinette die Bühne des Festivalzentrums gekapert hatte, kam er zu mir und flüsterte mir ins Ohr: „Beeindruckend war das, würd ich sagen, wenn mich jemand fragen würde.“ Und nach einer kurzen Pause fügte er schon leicht schwankend hinzu: „Aber mich fragt ja keiner.“ In dem Satz kam die ganze Traurigkeit und Einsamkeit zum Ausdruck, die in diesem Menschen täglich toben.

Ich kann mich noch gut an eine nächtliche Begegnung erinnern, die ich vor einigen Jahren gemeinsam mit der Gruber Kathi, der Tochter vom Arzt Gruber Herbert und seiner Frau Herta, am Froschteich hinterm Schiferschen Erbstift hatte. Es war Sommer und aus einer sentimentalen Laune heraus hatten wir beschlossen, nicht länger beim „Zantoni“ zu knotzen und Bier zu trinken, sondern die Sehnsuchtsorte unserer Kindheit aufzuspüren. Die allermeisten waren mittlerweile vollständig zugebaut worden, aber dafür stießen wir schließlich beim Froschteich auf einen verschrobenen Eferdinger Zeitgenossen, mit dem wir ein Gespräch begannen, das sämtliche Grenzen der Rationalität sprengte. Wir waren mit einer Schlagfertigkeit konfrontiert, die uns ein ums andere Mal überrumpelte und aufs Glatteis führte. Der Kerl, der da vor uns saß, spielte mit uns, ohne uns zu manipulieren. Er lockte uns ständig in andere Sphären, sprang in seinen Assoziationen wie irrsinnig von einem Thema zum nächsten, entwarf die verrücktesten Theorien und ließ uns nach einer halben Stunde erstaunt und erschöpft zurück. Leicht hätten wir ihm Attribute wie „verwirrt“, „psychisch krank“ oder „verrückt“ verpassen können, aber damit hätten wir uns die ambivalente Faszination, die von diesem Einzelgänger ausging, nur notdürftig vom Leib gehalten. Wir waren einem hochintelligenten, aber auch hypersensiblen Menschen begegnet, der in seinen sprunghaften Reden immer auf der Flucht zu sein schien vor jenem Schmerz, den ihm das Leben offenbar bereitete. Und zugleich lag in seiner Art zu denken eine Freiheit, um die wir ihn beneideten. Es war eine poetische Kraft in ihm, die sich weigerte, sich der tiefen Verzweiflung zu unterwerfen. Und während wir sprachlos dasaßen und dem wilden Konzert der Frösche lauschten, verschwand der Einzelgänger in der Eferdinger Nacht.

Sie gehören nirgendwo richtig dazu, die Außenseiter, die Umherstreifenden. Sie sind oft auf der Suche nach Anschluss und doch durch ihr Äußeres oder ihre Verhaltensweisen um Abstand bemüht. Aus der Perspektive des Zentrums mögen sie an der Errichtung einer bürgerlichen Existenz gescheitert sein. Andere wiederum würden vielleicht nichts lieber als dazugehören, anerkannt und geborgen sein, aber es kommt ihnen ständig ihre Schüchternheit, ihre Versagensangst und ihre Unsicherheit in die Quere. Oder aber sie sind so, wie sie sind, leben auf sich allein gestellt vor sich hin und finden plötzlich beim Festival einen Anknüpfungspunkt, der es ihnen ermöglicht, gesellig zu sein. Eine der berührendsten Figuren hat sich der Stelzhamer Hannes in der Lidauer-Garage angelacht. Frauen und Männer, die ihr ihn noch nicht kennt: Der Hannes ist ein Supertyp, unendlich sanft und zugleich von einer so verwegenen Schönheit, dass ihr euch alle sofort in ihn verlieben würdet. Der Mann hat aus dem Schrottplunder, der in der lange schon aufgelassenen und dem Verfall preisgegebenen Halle herumlag, und aus Abfallteilen, die er sich von Bauern aus der Umgebung zusammenschnorrte, einen schön-schaurigen Maschinenpark gebastelt, eine kuriose Ansammlung von Hybrid-Objekten aus Zahnrädern, Holzstielen, rostigem Metall und Schnüren. Wenn der Hannes den Strom aufdreht, dann setzen sich diese absurd-komischen Abfallmonster in Bewegung und vollführen ein mechanisches Ballett, dass es eine Freude ist. Seit Tagen wird der Hannes vornehmlich von Buben allen Alters belagert. Einer aber, ein besonders alter Knabe mit kaum mehr als fünf Zähnen im Mund, kommt wirklich jeden Tag, setzt sich auf die Bank und beginnt zu erzählen. Am Anfang habe er ihn kaum verstanden, erzählt der Hannes, aber nun habe er sich schon an seine Sprache gewöhnt. Und der alte Knabe hat tatsächlich einiges zu erzählen: von alten, mittlerweile nicht mehr gebräuchlichen agrarischen Praktiken wie dem Butter- und Rahmschwenken oder von Antriebssystemen, von denen selbst der Hannes noch nie etwas gehört hat. Den Ausgang nehmen die Erzählungen des Knaben fast immer bei einem Detail eines der künstlerischen Objekte. Er pickt es sich heraus und schon strömt eine Geschichte aus ihm. Kein Mensch weiß, wie der alte Knabe ausgerechnet auf den Hannes gestoßen ist, aber das ist im Grunde auch nicht weiter wichtig. Entscheidender ist, dass er einen Ort gefunden hat, an dem er sein und darüber hinaus sogar etwas beitragen kann aus seinem Leben, seiner Geschichte.

Come together!

Veröffentlicht am 10.06.2013

Und wieder öffnete der Himmel seine Schleusen. Gerade als die blutjunge Sängerin der Band „Echoes ago“ mit ihrem gänsehauterzeugenden Timbre den Beatles-Song „Come together“ intonierte, tat es von oben herab einen so gewaltigen Schütter, dass die Plastikplane hinter dem Tontechniker Markus Schickerbauer entzweiriss. Angesichts der strömenden Wucht wurde selbst dem „Schicki“, wie ihn hier alle nennen, um sein Mischpult bang. Das will etwas heißen bei einem Mann, der vor gut 20 Jahren die weithin gefürchtete und verehrte Schlagzeugpräzisionsmaschine der legendären Eferdinger Death-Metal-Formation „Sarcastic Murder“ gegeben hatte. Mein „Sarcastic Murder“-Fan-T-Shirt sorgte im Kreis meiner standesgemäß in existenzialistisches Ganzkörperschwarz gehüllten Kolleginnen und Kollegen am Institut für Philosophie in den 1990ern regelmäßig für Verstörung. Jahrelang trug ich es ganze Sommer hindurch, hauptsächlich wegen Markus, weil er eben ein teuflisch aufspielender Drummergott war und noch dazu ein Freund aus Kindheitstagen, mit dem ich – ebenfalls ganze Sommer hindurch – Fußball spielte und Waldhäuser baute.

In wenigen Minuten hatte der Markus gestern alles eingepackt, denn an Weiterspielen war angesichts des Platzregens nicht mehr zu denken. Anstelle eines fröhlichen „Come together“ folgte ein panisches Auseinanderströmen – ein allzu abrupter Interruptus eines Wochenendes voller Höhepunkte, Intensitäten und voll fröhlicher Tumulte. Angesichts der ohnehin schon prall gefüllten ersten beiden Tage hatte ich mit einem verkatert-gemütlichen Sonntag gerettet, aber nichts da: Kaum am Hauptplatz angekommen, saßen wir auch schon im Reisebus der Firma Dobler, der uns zum Schisprungstadion nach Seebach kutschierte. Dort erwartete uns eine so verspielte, ausufernde und mitreißende Inszenierung, wie sie nur ein ebenso verspieltes, mitreißendes und ausuferndes Temperament wie der Pirker Stephan vom Zaun zu brechen imstande ist. Am Vormittag war er mir – wie ich gestern berichtete – noch als Fata Morgana in den Auwäldern erschienen, nun stand er leibhaftig vor mir. Aber was schreibe ich: Den Pirker Stephan habe ich noch nie irgendwo einfach nur stehen gesehen. Der Mann ist ein taktiles Projektil, sprich: Man gewinnt zuweilen den Eindruck, dass er an mehreren Orten gleichzeitig sein kann. Sein „Jumping Sound System“ wurde als Wettkampf inszeniert, mit Stadionsprechern, Rennanmeldung, Nummernausgabe und einer dreadlockigen Sprunglehrerin, die alle Beteiligten im Rahmen eines souveränen 5-Minuten-Crashkurses in die Weihen des Weitsprungs einwies. Anfahrtshocke – Absprung – Landung: Und schon ging’s hinauf auf das Seebacher Schanzenungeheuer, dessen Errichtung fünfmal so viel Geld verschlungen hat wie ursprünglich vorgesehen. Den Pirker Stephan beschäftigte dieses ökonomische Desaster gestern nachmittag am wenigsten: Er huschte wie ein Eichhörnchen im Stadionrund auf und ab und überflügelte dabei noch die rund um ihn statthabende multiple Betriebsamkeit. Die Soundsprünge selbst überließ er zwar einem 16-jährigen Nachwuchsspringer, der diese auch souverän zwischen 85 und 90 Meter auf die Matte setzte. Aber der Stephan ließ es sich nicht nehmen, mit dem Snowboard über den Schanzenhügel zu cruisen. Bei der Siegerehrung überreichte er dem Springer höchstpersönlich ein Objekt, das aus ca. 15 mit Gummibändern zusammengehaltenen Pokalen bestand – ein irrwitziges Ding, in dem der ebenso liebevolle wie schräge Aufwand des ganzen Projektes kulminierte.

Zurück in Eferding traf ich auf Christian Scheib, die „Stimme“ Eferdings. Wer ihn hören will, möge samstags um 13 Uhr den Radiosender Ö1 anwerfen und eine Stunde lang der von Christian im Duett mit seiner Kollegin Elke Tschaikner moderierten Reihe „Le weekend“ lauschen. Seit Ende der 1980er bereichert Christian Scheib den Kultursender Ö1 mit Beiträgen vor allem zur Neuen Musik. Dass man ihn in den letzten Jahren seltener zu hören bekam, ist einzig dem Umstand geschuldet, dass er nun auch als Intendant des Radio-Symphonie-Orchesters tätig ist. Für die Festivalausgabe in seiner alten Heimatstadt hat er sich mit der Eferdinger Kulturarbeiterin Cordula Hanisch zusammengetan, der das ehemalige Gasthaus „Zur blauen Traube“ gehört. Ich folgte Christian in den dort bereits geöffneten Ausstellungsraum, wo bis zum Wochenende Gegenstände gesammelt werden, die im weitesten Sinn Eferdinger Geschichte transportieren – Erinnerungen an Wirtshäuser und andere Räume und Ereignisse des kollektiven Geschehens.

Mit dem Wirtshaus ist es ja so eine Sache: Es ist sozial und unsozial gleichermaßen. Einerseits ist es der Ort des Zusammenkommens, andererseits ebenso jener des Ausschlusses und der Abschottung. Frauen und Fremde sind nach wie vor wenig und ungern gesehen. Wer es als Unbekannter betritt, erntet oft reserviertes Schweigen und taxierende Blicke. Und der wirtshausimmanente Diskurs erweist sich folglich als selbstgenügsam. Seine landläufige Form ist der Monolog, seine inhaltliche Bestimmung liegt in der Selbstbestätigung via Abgrenzung. Würde man dieser Tage eine der Eferdinger Wirtshausstuben aufsuchen, könnte man sich wohl einiges anhören über das bunte Treiben auf den Straßen draußen. Nicht, dass man es selber gesehen hätte, aber da reicht etwa schon eine kolportierte Nachricht von der Pudelnackigkeit der Rabtaldirndln, um sich ein Bier lang in Rage zu reden.

Aber nun höre ich schon wieder auf mit meinem Feixen, denn nicht jeder Stammtischbruder ist Kunstverächter, und der Sozialraum Wirtshaus erweist sich bei genauer Betrachtung als ebenso vielschichtig wie die Beiträge zum Festival. Gestern beispielsweise stand mein lieber Onkel und Stammtischgeher Heinrich Reinthaler bei der Eröffnungsperformance „500 Jahre Gurkenkunst“ des Teatr Cinema im Stadtsaal neben mir und amüsierte sich köstlich über die schrägen Ausstellungsstücke und die von zwei Eferdinger Theater-Kistl-Mitgliedern vorgetragenen Passagen aus Thomas Bernhards Roman „Alte Meister“. Es war ein berührender Onkel-Neffen-Moment, den wir da teilten, still nebeneinander stehend und zwischendurch immer wieder auflachend angesichts des herrlichen Bernhard’schen Sprachfurors. Der 1989 verstorbene „Alte Meister“ der Rundumschlagpolemik ist von seinem Temperament her manchem Wirtshausbruder wohl näher, als diesem lieb ist. Und während wir so dastanden und die Gurkenkunst auf uns wirken ließen, mein Onkel und ich, ereignete sich vor dem „Social Wirtshaus Web“ ein Geniestreich der kollektiven Eferdinger Wirtshausanarchie. Eine Gruppe von Eingeborenen, deren Namen ich an dieser Stelle aus ermittlungstaktischen Gründen verschweigen muss, überfiel nämlich die sprichwörtliche Lausbuben- bzw. -mädchenhaftigkeit, als die Kunstinspektion 2 mit ihrem motorisierten Dreirad vorfuhr. Während die Inspektoren Ungepflegt und Jagerhofer damit beschäftigt waren, Fahndungsplakate zu affichieren, kaperte die fröhliche Wirtshausrunde kurzerhand den Kunstinspektions-Dienstwagen und versteckte ihn im Inneren der „blauen Traube“. Da haben die Kunstinspektoren aber schön geschaut, als sie ihr Fahrzeug plötzlich nicht mehr finden konnten. Nach kurz anhaltendem Schock nahm das Duo die Ermittlungen auf und begann mit hochnotpeinlichen Befragungen. Zwei Damen wurden abgeführt und am Kunstkommissariat streng verhört. Am Ende folgte die Fahrzeugrückstellung samt Abmahnung jener Truppe, die gewagt hatte, lustiger zu sein, als es die Kunstpolizei erlaubt. Das Festival ist nun endgültig angekommen, und ich harre schon ungeduldig weiterer wirtshaustauglicher Selbstermächtigungsschwänke!

Veränderung, Widerstand, Selbstermächtigung

Veröffentlicht am 09.06.2013

Beim heutigen Morgenlauf habe ich mich zum ersten Mal seit Festivalbeginn an der Kläranlage vorbei Richtung Donau vorgewagt. Geschuldet war dieser Vorstoß zunächst einer Sinnestäuschung: Auf die Kläranlage zulaufend sah ich von Weitem einen Menschen immer wieder in die Hocke gehen und mit einem plötzlichen Ruck aufspringen. Ich war mir vollkommen sicher, dass es sich dabei nur um den am Festival teilnehmenden Tiroler Künstler Stephan Pirker handeln kann, der heute Nachmittag auf der Seebacher Schisprungschanze sein spektakuläres „Jumping Sound System“ präsentieren wird. Da ich in diesen Tagen alles, was mir begegnet, mit dem Festival in Zusammenhang bringe, reimte ich mir die Szene so zurecht: Pirker, der seit Tagen in einem herrlich schrottigen Kleinbus am Stadtplatz haust und ebendort seine Aktion mit einer berührend kindlichen Vehemenz vorbereitet, hat sich in die Ruhe der Auwälder zurückgezogen, um dort noch einmal Kraft, Konzentration und Absprungsicherheit für seinen Sprung zu tanken – eine Aktion, die er samt zwei Kollegen auf mit Audiosensoren ausgestatteten Schiern ausführen wird. Wie von einem Magnet angezogen rannte ich über die ab der Kläranlage mit einer trockenen Lehmschicht überzogenen Straße, um ihn aus der Nähe zu beobachten und ihm für sein wagemutiges Vorhaben noch einmal Mut zuzusprechen. In meiner Volksschulklasse gab es einen, den Starzer Klaus, der in Seebach wohnte und den sie schon mit fünf auf die Übungsschanze stellten, damit aus ihm einmal ein großer Schispringer werde. Und auch wenn aus dem Klaus kein Weltklasse-Schispringer, sondern ein ganz normaler und hoffentlich zufriedener Mensch mit einer etwas abenteuerlicheren Kindheit geworden ist, muss ich oft an ihn denken, wenn eine Schanze vor mir auftaucht – oder eben ein vermeintlicher Trockenspringer wie der Pirker Stephan, auf den ich mich gerade zutraben wähnte. Zu meiner Ernüchterung aber war es nicht der Stephan, den seine Freunde übrigens Schurl nennen, der da im Lehm hockte, und schon gar nicht der Starzer Klaus, sondern ein ganz normaler und hoffentlich zufriedener Eferdinger Jogger, der gerade seine Dehnungsübungen absolvierte. Der erklärte mir, dass es wohl keinen Sinn habe, auf dem unter normalen Umständen asphaltierten Weg Richtung Donau zu laufen, weil man bis dorthin wahre Trockenlehmhügel zu überwinden habe. Also beschränkte ich mich darauf, lediglich einige Schritte auf den Seitenarm der Donau zuzumachen, was mir das Ausmaß der Flut noch einmal vor Augen führte: Bis weit über die meterhohe Böschung muss das Wasser bis vor wenigen Tagen gereicht haben, und den Asphaltweg hat es mit einer durchgängigen Schlammspur überzogen, die unter der Sonne der letzten Tagen zu einem buckelpistenartigen Lehmstreifen getrocknet ist. Mit einem Mal stand ich nicht mehr in den Donau-Auwäldern, sondern irgendwo weit weg in einem Steppen- oder Wüstengebiet, weit entfernt vom gewohnten Regulativ zwischen Straße und Wildnis. Alles schien ansatzlos ineinander überzugehen, und der sonst so klar strukturierte Raum geriet in ein unberechenbares Fließen.

Mit diesem zwiespältigen Bild im Kopf lief ich zurück und sinniere nun über zwei Begriffe, die sich mir beim meinem gestrigen Flanieren durch die Festival-Reihen aufdrängten: Veränderung und Widerstand. Mehrmals wurde ich gestern gefragt, ob ich dem Festival die Kraft einer einschneidenden Veränderung zutraue oder ob ich am Ende eine solche schon konkret verspüre und benennen könne. Diese Frage ist zunächst leicht beantwortet, da sich das Städtchen im konzentrierten Trubel der letzten Tage weithin sichtbar so verändert hat, dass man diesem Ausnahmezustand an allen Enden und Ecken begegnet. Das im Rahmen des Programms Gebotene aufgrund seiner Fülle und Dichte versetzt Ureinwohnerinnen, Ureinwohner und kurzfristig Zugereiste gleichermaßen in andere Welten, die wiederum in jedem einzelnen Kopf vollkommen eigensinnige Ausprägungen annehmen. Wer gestern beispielsweise von 22 bis 23 Uhr in der Metstube des Traditionscafés Vogl saß und dem grandiosen, hochenergetischen Spiel des mit dem Teatr Cinema assoziierten Jazztrios „Flesh machine“ lauschte, befand sich nicht mehr in Eferding, sondern in einem von der Hitze und dem Spiel der nimmermüden Burschen kochenden Underground-Club in irgendeiner angesagten Metropole, und das nicht 2013, sondern vielleicht 1973, 1982 oder 2056. Mir wurden plötzlich jene Menschen wildfremd, die ich erkannte, während mir wiederum die Fremden mit intim-vertrauten Blicken zu begegnen schienen. Allesamt aber waren wir in einer solchen Intensität verschworen, dass sich die Gemütsstimmung jedes einzelnen bis zur Schmerzgrenze zu verstärken schien. So flohen denn auch jene, denen das offensive Spiel des Trios zu weit oder zu nahe ging, die anderen aber, bei denen sich von Minute zu Minute die Schleusen weiter öffneten, konnten sich gar nicht satthören an dem wunderbaren Lärm, und wollten die Musiker am liebsten gar nicht mehr ziehen lassen.

Der Raum, in dem dieses fulminante Ereignis stattfand, befindet sich im ältesten noch erhaltenen Stadthaus. Das Café Vogl war schon vor hunderten von Jahren eine Lebzelterei, und in meiner Jugend wurden die im ersten Stock befindlichen Stuben nur einmal im Jahr zum süßen Met-Umtrunk geöffnet. Gestern aber schlugen die drei polnischen Jazzer in dieses historische Ambiente ein wie Meteoriten, ganz im Sinn der vom Teatr Cinema konzipierten freundlichen Erkundung Eferdings durch Besucher aus einer anderen Galaxie. Im Gegensatz zur destruktiven Kraft von Sterneinschlägen verbreitete das Trio „Flesh Machine“ eine so positive Energie, dass man sich sogleich wünscht, sie möge sich in diesem herrlichen Raum mit seinem Holzbretterboden und den beeindruckenden schwarzen Tram-Verstrebungen am Plafond ausbreiten und ihn zu einem Ort machen, in dem solche Augenblicke auch über die Zeit des Festivals hinaus möglich werden.

Denn eine Frage, und damit komme ich wieder zu meinem Ausgangspunkt zurück, taucht schon zu Beginn des Festivals regelmäßig in Gesprächen auf und wird sich wohl bis zum Ende in ihrer Dringlichkeit noch verstärken: Inwieweit werden die Impulse des Festivals den Stadtraum Eferding und sein Umland wirklich verändern? Und wie vor allem lassen sich der Widerstand und die Trägheit überwinden, die einer nachhaltigen Verlebendigung Eferdings entgegenstehen? In den vergangenen Tagen bin ich immer wieder auf eine ambivalente Stimmung zwischen Aufbruch und Resignation gestoßen. Bürokratische Hürden und dementsprechend amtshandelnde Behörden ersticken gute Ansätze allzu oft im zarten Keim. Viele Menschen berichten vom schleichenden Sterben des Stadtkerns, von der normalerweise um sich greifenden Trost- und Leblosigkeit, und atmen angesichts der festivalbedingten Betriebsamkeit regelrecht auf. Ideen und Pläne werden entworfen und eingesammelt, nicht zuletzt in dem am unteren Ende des Stadtplatzes befindlichen Containerprojekts „Freikarte, Fluchtpunkte!“ Man spürt die unmittelbaren Effekte eines solchen Impulses zur Selbstermächtigung, der nicht bevormundend, sondern kooperativ vorgeht. Es sei ein Versäumnis, dass in Eferding keine einzige Straße nach einer Frau benannt sei, gab meine Mutter Ingrid heute Morgen zu Protokoll. Konsequenterweise wird sie beim „Freikarten“-Projekt die Forderung nach einer Susanne-Reuttinger-Straße deponieren, benannt nach jener Eferdingerin, die der Astronom und Philosoph Johannes Kepler im Jahr 1613, also genau vor 400 Jahren vor Ort heiratete.

Es wäre nicht das erste Mal, dass aus dem Festival der Regionen eine lokale Kraft der Veränderung hervorgeht – man denke nur an Ottensheim und die aus der 1997er-Ausgabe hervorgegangene Bürgerinitiative, die seitdem mit Uli Böker eine weithin geachtete und visionsgeleitete Bürgermeisterin stellt. Städte gehören den darin wohnenden Menschen und nicht einer an ihrer eigenen Hybris erstickenden Verwaltungsmaschinerie. Es sind allein Maschinen aus Fleisch und Blut, die eine Dynamik der Veränderung und Wiederaneignung der Stadt als Lebens- und Gesellschaftsraum in Gang setzen können. Selbstverständlich leiden Kleinstädte wie Eferding unter dem, was die Soziologie einen „Brain drain“ nennt und was das Eferdinger Urgestein Heinz Grandl gestern zu später Stunde im persönlichen Gespräch offen angesprochen hat: Viele begabte junge Menschen verlassen die Stadt, um zu studieren, und bleiben schließlich in den kleineren und größeren Metropolen hängen. Manche wollen aus persönlichen Gründen von der alten Heimat nichts mehr wissen, andere aber wären vielleicht durchaus bereit, mit dem Herkunftsort wieder in Verbindung zu treten und auf die eine oder andere Weise wieder etwas von dem einfließen zu lassen, was sie andernorts gelernt, erfahren und geschaffen haben. Im für das nächste Wochenende anvisierten „Social Wirtshaus Web“ könnte möglicherweise eine solche Schnittstelle zwischen Alteingesessenen und Fortgegangenen entstehen.

Ach, ich visioniere schon viel zu weit ins Voraus hinein … Let’s keep the „Flesh machine“ on going!!!

Bräuhaus-Fantasien

Veröffentlicht am 08.06.2013

Das Bräuhaus gibt es nicht mehr. Nicht in der Form zumindest, in der es mich durch meine Kindheit und Jugend begleitete. Seit ich denken konnte, gammelte es als versinkendes Schiff in der verwinkelten Kehre zwischen Tennisplätzen, den Schulgebäuden des Polytechnikums und der HAK und den angrenzenden Gemüsefeldern des Puppinger Ortsteils Wörth vor sich hin. Seine unverputzte Ziegelhaftigkeit stieß mich ab und zog mich zugleich an. Das Gebäude galt aufgrund seiner Einsturzgefahr als Sperrzone, und ebendeshalb übte es auf mich einen ähnlichen Sog aus wie das abgeriegelte Gebiet in dem Film „Stalker“ des russischen Regisseurs Andrej Tarkovskij (1979). Darin wird von einer kleinen Menschengruppe erzählt, die trotz des strikten Verbotes in eine verseuchte Zone eindringt, um dort vielleicht etwas zu finden, was keiner der Beteiligten in seinem wirklichen Leben hat. Den Film durchzieht ein mythisches Verlangen nach Erfüllung und Erkenntnis, das sich schließlich buchstäblich in Luft auflöst.

Von der Eferdinger Gesellschaft dem Verfall preisgegeben, mutierte das Bräuhaus in unregelmäßigen zur Projektionsfläche stadtplanerischer Fantasien von allen Seiten. Was hätte diese unförmige Ruine in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht alles werden sollen, können, müssen … Als Jugendlicher wünschte ich mir dort dringend ein Kulturzentrum, und wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, gab es in den 1980ern diesbezüglich konkrete Pläne im Umfeld der Kulturinitiative KIV. Ich stellte mir eine regelrechte Fabrik der kulturellen Produktion vor. An allen Ecken und Enden sollte musiziert, geschrieben, gefilmt und Theater gespielt werden, und zwar rund um die Uhr, mit und ohne Publikum, ganz so wie in dem großartigen Gedicht „wie verrückt“ des genialen Dichters Ernst Jandl (1983), in dem er die Kunst als kollektiven fröhlichen Schaffenswahn imaginiert. Manchmal lässt sich eine solche Dynamik unter Kindern beobachten, wenn sie wie wild eine Zeichnung nach der anderen fabrizieren und dazwischen auch noch wüst auf irgendwelchen Instrumenten herumtoben.

Gemessen an dieser kindlichen Fantasie enthielt der gestrige Tag eine wenig überraschende Ernüchterung und eine unerwartete Befriedigung für mich bereit. Das „Bräuhaus neu“, in dem die Eröffnungsfeier des Festivalprogramms stattfand, entspricht selbstverständlich nicht meinem Begehren nach einer Eferdinger „Art Factory“, sondern dem planerischen Durchschnittswillen einer Mehrzweckfunktionalität. Hier soll nicht produziert, sondern repräsentiert werden – das wurde meinem unmäßigen Kindskopf schlagartig bewusst, als ich eingeschüchterten Schrittes den Vorhof des Gebäudes betrat. Als Teil des einfachen Fußvolkes drückte ich mich sogleich wie die meisten anderen an die Wand, um Platz zu machen für die vereidigten und sanktionierten Amt- und Würdenträger. Und die rauschten denn auch Stück für Stück an uns vorbei in Richtung Festsaal: allen voran und bemerkenswert unbegleitet die Bundesministerin für Kultur und Bildung, gefolgt vom mit einer deutlich zahlreicheren Phalanx umschwirrten Landeshauptmann. Es ist gar nicht so leicht, jemandem Außenstehenden zu erklären, was ein Landeshauptmann ist, wie ich gestern wieder erfahren musste, als mich die slowenische Künstlerin Tanja Lazetic danach fragte. Immerhin entsprach er, wie sie mir versicherte, in seinen Gesten und Bewegungen voll und ganz dem, was sie sich landläufig unter einem Berufspolitiker im Sinne des deutschen Soziologen Max Weber vorstellt. In seinem oberösterreichischen Wesenskern ist ein Mann wie Josef Pühringer unübersetzbar, aber sein Habitus ist offenbar an internationaler Verständlichkeit nicht zu überbieten. Das ersparte mir langwierige Vorträge über die Österreichs föderale Verfasstheit im Allgemeinen und die Bundeslandbezogenheit im Besonderen.

Nun gehörte aber die Bühne an diesem ersten Nachmittag nicht nur der politischen Redseligkeit, sondern ebenso dem Produktionsteam des Festivals sowie den ersten künstlerischen Akten. Das FdR-Team wählte den Weg des vorgefertigten Begrüßungsvideos. Der doppelte Boden wurde zum doppelten Vorhang umgedeutet, und in der schnörkellosen Reduktion der Inszenierung kulminierte viel vom organisatorischen Geist der Truppe, die ich als subtile Strategie des Vorantreibens bei gleichzeitigem Hinter-die-Betriebskamkeit-Zurücktreten beschreiben würde. Die aufmunternde Art, Räume zu öffnen, um sie zur Verfügung zu stellen, wirkt auf mich deutlich sympathischer und im Grunde interessanter als der gegenteilige Ansatz, Festivals, Ausstellungen und Kunstmessen zu Tode zu kuratieren.

Dass sich gleich am ersten Tag auf der Bühne des Bräuhauses ein erkennbarer roter Faden durch die Performances zog, liegt wohl mehr an Eferding selbst als an einer vorsätzlichen Planung: Denn selbstverständlich drehten sich die Beiträge des Gemüseorchesters, der Rabtaldirndln und des Teatr Cinema mittel- oder unmittelbar ums Gemüse. Dass das Ganze nicht in eine schnöde Bauernfängerei nach dem Motto: „Gib ihnen, was sie kennen und folglich auch fressen“ abglitt, hat wiederum viel mit der dem Gemüse offenbar innewohnenden Fähigkeit zur Metamorphose zu tun. Man hält es zunächst nicht für möglich, welche visuellen, akustischen und haptischen Universen in diesen Nahrungsmitteln stecken. Dabei erwiesen sich die künstlerischen Stategien, diese Welten zum Vorschein zu bringen, als unterschiedlich bis gegensätzlich. Das Gemüseorchester etwa erforscht mit seinen Stücken die wilde und schier unüberschaubare Vielfalt dessen, was da so aus der Erde quillt oder in sie hineinwächst. Das Teatr Cinema hingegen beschränkte sich in seiner surreal komischen Eröffnungs-Kosmologie darauf, eine ganze Welt aus der (Eferdinger) Gurke zu schaffen, ähnlich wie jener buddhistische Mönch, dem es nach einem geflügelten Wort in seiner Meditation gelingt, „eine ganze Landschaft aus einer Saubohne herauszulesen“. Die Rabtaldirndln wiederum bemühten sich um einen derb-parodistischen Ansatz, indem sie in einer Ballade die Geschichte einer Eferdinger Bauerstochter imaginierten und dabei auf die klischeehaften Zurichtungen der agrarischen Lebenswirklichkeit verwiesen.

Davor, dazwischen und danach aber blieb gestern genug Zeit zum Streunen, zum Plaudern und zum Entdecken. Und abends wurde ich schließlich für meine kindische Enttäuschung über das zurechtrenovierte Bräuhaus noch fürstlich entschädigt. Beim Spazieren durch den Mittergraben vernahm ich nämlich ebenso eindeutige wie in keinem Programmheft vorangekündigte musikalische Frequenzen. Ich folgte ihnen bis ins Ausgedingehaus des Schlosses und stieß dort auf eine muntere Session der jungen polnischen Musiker von Teatr Cinema. Klarinette, Trompete, Schlagzeug und das aus Marokko stammende Gnawa-Trance-Bass-Instrument Guimbri jammten so inbrünstig um die Wette, dass Ernst Jandl wohl mehr als einen freudigen Juchzer ausgelassen hätte. Und zu noch späterer Stunde saß immer noch ein Haufen schräger Vögel mitten auf dem Stadtplatz unterm Sternenhimmel und plauderte und plauderte. Meine Bräuhaus-Fantasien haben sich selbstständig gemacht und begonnen, wenigstens temporär die ganze Stadt zu okkupieren.

Vor dem Treiben, nach der Flut

Veröffentlicht am 07.06.2013

Quamvis sint sub aqua, sub aqua maledicere temptant.“ – Diese Zeile aus dem berühmten Werk „Metamorphosen“ des römischen Dichters Ovid (43 v. Chr. bis 17 n. Chr.) kam mir in den Sinn, als ich heute morgen durch die Auwälder lief. Ovid bringt mit diesem lautmalerisch komponierten Vers jene Frösche zum Sprechen, die von der Sintflut erfasst und überschwemmt wurden. „Obwohl sie schon unter Wasser sind, hören sie nicht auf zu fluchen und zetern“, könnte man die Zeile sinngemäß übersetzen. – Im Puppinger Ortsteil Schaden, dessen Name in diesen Tagen eine geradezu zynische doppelte Bedeutung angenommen hat, sind sie hundert Meter weit zu hören, die Frösche. Heute morgen wirkt ihr Zetern fast hysterisch, so als hätten sie sich immer noch nicht beruhigt nach all den Regenfällen und anschließenden Überschwemmungen, die in den vergangenen beiden Wochen über das Eferdinger Becken gezogen sind. Weitaus erbärmlicher als die wasserfesten Frösche, erzählte eine Anrainerin meinem Vater, haben die Wildtiere ihrem Ertrinken entgegengeschrien. Auf den Schadener Feldern steht das Wasser knöcheltief und aus den meisten Häusern führen Schläuche, mit denen die Menschen die Keller und Wohnräume auszupumpen versuchen. Wären da nicht die Frösche, hätte die Stille über der von Wasser und Schlamm bedeckten Landschaft etwas Gespenstisches. Die Auwälder, die selbst im heißesten Hochsommer kühle und frische Luft zu speichern imstande sind, sind durchzogen von einem lehmig-schwefeligen, stickigen Geruch. Die Pflanzen wirken, als würden sie um Luft ringen, und über die Maisfelder hat sich grauer Schlick gelegt, der in der Sonne langsam, aber unausweichlich hart zu werden droht. In den Sträuchern hängen Kartonfetzen und andere Gerümpelteile, die es aus den Häusern und Garagen gespült hat. Von der Brücke, die zur Kläranlage an der Donau führt, sind blaue Seile in die Böschung gespannt, in der sich Treibgut aus der Flut verheddert hat. Das Ganze wirkt wie eine ramponierte Installation, und wäre nicht alles von so dringender Ernsthaftigkeit, könnte man im Vorübergehen die geradezu surreale Atmosphäre würdigen, die von diesen Seilen ausgeht.

Die lebensbedrohliche Dynamik des über alle Ufer getretenen Wassers hat etwas Unausweichliches, das auch im Vorfeld des Festivals der Regionen Spuren hinterlassen hat. Die Natur wirkt verstört, traumatisiert, und  das gilt auch für die Menschen, auf die man trifft. Es sind zwei gegensätzliche Erzählungen, an denen sie das Grauen des Wassers festmachen. Die Einen berichten von der unheimlichen und beängstigenden Lautlosigkeit des heranrückenden Wassers, während andere den Einbruch der Flut als etwas buchstäblich Ohrenbetäubendes erlebt haben. Und jenseits des Wassers sind es zwei ebenfalls einander widersprechende Erfahrungen, die die Betroffenen in diesen Tagen teilen: Auf der einen Seite erleben sie eine unglaubliche Solidarität in Form von Zuspruch und Hilfeleistungen, um die sie gar nicht bitten müssen. Die Helfer tauchen von selbst auf und packen zu, an allen Ecken und Enden. Andererseits gibt es jedoch auch jene Gedankenlosigkeit und Selbstbezogenheit, deren Impertinenz in Krisenzeiten mit derselben Unausweichlichkeit zum Vorschein kommt wie das Wasser. Eine Wirtin aus der Umgebung berichtet vom sturen Unverständnis einiger Gäste, denen sie zu erklären versuchte, dass sie derzeit nicht kochen kann, weil sie schlicht nichts mehr zum Kochen hat. Und am Telefon, erzählt sie, war einem Anrufer nicht klarzumachen, dass das Gasthaus unter den gegebenen Umständen für nächste Woche keine Reservierungen annehmen kann. Nichtsdestotrotz überwiegt die Soldiarität und Hilfsbereitschaft in diesen Tagen. Und auch die Organisation sowie die bereits anwesenden Künstlerinnen und Künstler partizipieren in Gedanken, Gesprächen und Taten an der teilweise dramatischen Situation der Menschen. Einige Projekte werden direkt und unmittelbar auf das Geschehen vor Ort reagieren, andere dezidiert nicht – und es gibt für beide Strategien wohl gute Gründe. Auf allen Seiten scheint sich eine Behutsamkeit auszubreiten, die Platz für beides lassen könnte: für die physischen und psychischen Aufräumarbeiten ebenso wie für die konstruktiven Ausschweifungen des Festivals.

Selbstverständlich gab es im Vorfeld Unmutskundgebungen und kopfschüttelndes Vordenkopfgestoßensein. Bis ins Büro des Landeshauptmannes sei ein Eferdinger vorgedrungen, erzählt Festivalleiter Gottfried Hattinger, mit dem klaren Auftrag, dieser möge das Festival doch stoppen. Lange vor der Flut, wohlgemerkt. Margit Greinöcker, am Festival beteiligte Eferdinger Künstlerin und seit Tagen mit dem Aufbau des Festivalzentrums am Stadtplatz beschäftigt, erzählt mir von einem Eferdinger, der regelmäßig im Vorbeifahren aus dem Auto schimpfe. Wer das denn angeschafft habe, dass so etwas da stehen müsse, wollte er wissen – eine interessante Vorstellung davon, wie Kunstprojekte dieser Art zustande kommen. Hinter jedem Werk muss ein höherer Wille stecken, in diesem Fall halt leider ein maliziös-lästerlicher, den Stadtkern verschandelnder.

Abgesehen von solchen Streifschüssen ließ sich der gestrige Vorabend für den streunenden Chronisten bereits als Verknüpfung der Gegenwart mit mannigfaltigen eigenen und fremden Vergangenheiten an. Die vermeintlichen Wiederbegegnungen entpuppen sich als erfreuliche Neuentdeckungen. Die bereits erwänhte Margit Greinöcker etwa ist mit mir in die Volksschule gegangen – allerdings in die Parallelklasse, sie bei der ehrwürdigen Derfler Pepi, ich bei der großartigen Haidacher Helga, und wer weiß, was aus uns geworden wäre, wenn wir im Stadium unserer elementaren Bedürftigkeit nicht unter den Fittichen solch zugleich resoluter und warmherziger Frauen aufwachsen hätten dürfen. An die Margit als Kind kann ich mich ehrlich gesagt nicht erinnern, und sie sich an mich wohl auch nur, weil ich, wie die Wiener Dichterin Ilse Kilic sagen würde, zwei war, sprich: einen Zwillingsbruder habe, und damals, in den frühen 1980ern, schauten wir uns noch so ähnlich, dass der ganze Ort uns „Klaus-Helmut-Buben“ nannte und uns wie ein Wesen in zwei Ausprägungsformen behandelte. Ich bin froh, dass die Margit sich nur an diese schicksalshafte Doppelförmigkeit erinnert, und nicht daran, dass ich kleiner Hooligan-Wüterich einst im zarten Alter von neun Jahren einen Stiefel durchs Schulfenster schoss, weil ich mich über irgendeine Kleinigkeit ganz furchtbar ärgern musste. Aber es gab ja, wie gesagt, die Haidacher Helga, die mich mit gutem Zureden und gebotener Strenge doch noch auf den rechten Weg brachte.

Von ganz anderer Seite wurde ich gestern ebenfalls mit meiner Volksschulzeit konfrontiert: Am Abend sprach ich länger mit Katarzyna Rotkiewicz-Szumska, einer Künstlerin der aus Polen stammenden Gruppe „Teatr Cinema“. Sie studierte in den späten 1970ern und frühen 1980ern in Danzig Malerei und Graphik – just zu jener Zeit, als es in der Danziger Werft zu Arbeiteraufständen und der Gründung der ersten unabhängigen Gewerkschaft im ehemaligen Ostblock kam. Als von der kommunistischen Führung das Kriegsrecht ausgerufen wurde, flohen viele Menschen in den Westen, und gar nicht wenige kamen vorübergehend auch in Österreich unter. So kam es, dass wir in unserer Volksschulklasse eine Zeitlang polnische Kinder beherbergten, die uns aufgrund ihrer fremden Sprache und ihres eingeschüchterten Wesens recht unzugänglich blieben. In Eferding herrschte zunächst großes Verständnis für die Flüchtlinge, aber je länger sie blieben, desto feindseliger wurde die Stimmung. So kam es, dass mein Vater Max, der aufgrund seines Bartes dem damaligen Danziger Gewerkschaftsführer Lech Walesa so ähnlich sah, dass seine Schüler ihn eine Zeitlang heimlich so nannten, eines Morgens beim Bäcker Brandl von einem anderen in der Schlange stehenden Mann mit den Worten: „Scheiß Pole!“ angefaucht wurde. Vielleicht ist es mehr als nur eine Pointe, dass gut dreißig Jahre später Menschen in dieser Stadt zu Gast sind, die damals am Danziger Aufstand teilnahmen, in Polen blieben und seit vielen Jahren gemeinsam mit jüngeren Künstlern ihren eigenen Weg gehen.

Das bringt mich wieder zurück zur Frage der vermeintlich immerwährenden Solidarität: Was in Krisenzeiten den allermeisten als Notwendigkeit einleuchtet, scheint mit einem vergleichsweise kurzen Ablaufdatum versehen. Am Ende greifen oft allzu rasch wieder die Muster der Abgrenzung und des Rückzugs auf rigide Identitätskonzepte. Immerhin bleiben nun zehn Tage Zeit, das Zusammenleben und das gemeinsame Arbeiten und Erleben auf andere Arten und Weisen zu erproben und kennen zu lernen. Möge die Übung gelingen, oder wenn schon nicht gelingen, dann wenigstens interessant scheitern!